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Der Plan Kawsak Sacha

Nach den Plänen der Kichwa soll ihr Territorium zu einem „Lebenden Wald“ (deutsche Übersetzung für Kawsak Sacha) erklärt werden. Diese neue Schutzgebietskategorie wurde von den Kichwa selbst entwickelt und berücksichtigt die Tatsache, dass sie – wie die meisten indigenen Völker im Amazonasgebiet - schon seit Jahrhunderten auf ihrem Gebiet leben und den Wald seit jeher nachhaltig nutzen, ohne ihn dabei zu zerstören.

Mit dem laufenden Projekt unterstützt OroVerde dieses Konzept. Konkret geht es darum, die Selbstverwaltung von Sarayaku zu stärken und eine nach­haltige Nutzung der natürlichen Ressourcen sicherzustellen. Flora und Fauna ihres Territoriums werden so geschützt und das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur erhalten. Langfristig soll das Überleben indigener Völker in den „Lebenden Wäldern“ der Region ermöglicht werden. 

Aktivitäten des Projekts

1)  Markierung des Territoriums von Sarayaku: Die Lebenslinie

Um ihr Territorium deutlich zu markieren haben die Bewohner von Sarayaku vor Jahren damit begonnen, dessen Grenzen mit auffällig blühenden Bäumen zu bepflanzen. Diese sogenannte Lebenslinie erhöht die Sichtbarkeit des Grenzverlaufs sowohl vom Boden als auch aus der Luft, und Ölfirmen, Wilderer und illegale Holzfäller können somit nicht mehr „unbeabsichtigt“ in das Gebiet von Sarayaku eindringen.

Hierfür werden Baumschulen angelegt, in denen die verschiedenen einheimischen Baumarten kultiviert werden. Sind die Setzlinge kräftig genug, pflanzen die Kichwa die jungen Bäume entlang der Lebenslinie. Bereits bepflanzte Stellen werden regelmäßig besucht, um die Setzlinge von Farnen und Unkraut zu befreien oder um beschädigte Pflanzen zu ersetzen. Oft sind dafür Märsche von mehreren Tagen nötig.

Die Lebenslinie wird im Rahmen des Projektes um 30 km verlängert. An manchen Stellen ihres Territoriums ist der Verlauf der Grenze nicht ganz eindeutig. Hier wird mit Hilfe von Geographen und in Zusammenarbeit mit angrenzenden Gemeinden erst der genaue Grenzverlauf bestimmt, bevor dort die Lebenslinie weiter gepflanzt wird.  

2) Schutz der natürlichen Ressourcen auf dem Territorium von Sarayaku

Schon jetzt haben die Kichwa von Sarayaku beachtliche Teile ihres Territoriums als Schutzzonen ausgewiesen. Dort ist die Jagd selbst für Gemeindemitglieder verboten. Dadurch haben Wildtiere Rückzugsgebiete und ihre Bestände können sich erholen. Seit 2013 wachen 5 von der Gemeinde bestimmte Waldwächter darüber, dass diese Schutzzonen und von der Gemeinde festgelegte Schonzeiten für bejagte Wildtiere eingehalten werden. Außerdem kontrollieren sie entlang der Lebenslinie, ob es Grenzüberschreitungen auf das Territorium von Sarayaku gegeben hat.

Im Rahmen des Projektes wollen die Kichwa nun 2 weitere Schutzzonen auf ihrem Gebiet einrichten. Um diese und das gesamte Territorium regelmäßiger und effektiver überwachen zu können, werden 4 zusätzliche Waldwächter ausgebildet. Außerdem erhalten alle 9 Waldwächter bessere Ausrüstung und sie werden in wissenschaftlichen Methoden des Arten-Monitorings geschult. Zusätzlich werden an strategischen Punkten Beobachtungshütten gebaut, die den Waldwächtern auf ihren tagelangen Kontrollgängen als Basislager dienen. 

Schon vor einigen Jahren bauten die Kichwa eine Pflegestation für Tapire auf, um verletzte oder von den Müttern verlassene Tiere zu versorgen. Diese Pflegestation wird nun mit Projektgeldern erneuert und ausgebaut, um damit die Bestände dieser bedrohten Tierart auf dem Territorium von Sarayaku zu stabilisieren.

Baumschule im Regenwald ©S. Schreier
Häuser im Regenwald in Sarayaku ©S. Schreier
Die Kichwa-Frauen verarbeiten Feldfrüchte aus dem Regenwald ©Véro B.

3)  Nachhaltige Nutzung und Ernährungssicherheit

Der Großteil der Kichwa lebt von der Fischerei und der Jagd. Fisch- und Wildtierbestände gehen aber im gesamten Amazonasgebiet aufgrund von Habitat-Zerstörung stark zurück. Ebenso erkennen die Kichwa, dass sie insbesondere in der Nähe der Dörfer einzelne Tierarten zu stark bejagen und diese dort immer seltener werden. Deswegen wollen sie nun mit der Zucht von Kleintieren und Fischen starten, um so eine unabhängige und nachhaltige Nahrungsmittelversorgung und gleichzeitig eine Erholung der Wildtierbestände zu gewährleisten. 

Im Rahmen des Projektes werden sich 25 interessierte Familien in der Haltung von Kleintieren und Fischen fortbilden, damit sie in Zukunft die gesamte Bevölkerung von Sarayaku mit tierischem Eiweiß versorgen können. Anschließend werden mit Hilfe der gesamten Gemeinde die Stallungen und Teiche gebaut. Wenn möglich, werden dazu vor Ort verfügbare Materialien aus dem Regenwald verwendet. Schließlich werden die Zuchttiere angeschafft, zum Teil auch gefangen. Denn man will sich bei der Auswahl der Tiere auf Arten konzentrieren, die einfach und artgerecht im tropischen Regenwald gehalten werden können. Dazu gehört, dass das nötige Tierfutter ohne viel Aufwand vor Ort angebaut oder gesammelt werden kann.

Außerdem schließen sich die Familien in einer Kooperative zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Strategien auszuarbeiten, wie sie ihre Produktion verbessern und ausweiten können, ohne dabei das ökologische Gleichgewicht vor Ort zu stören. 

4)  Deklaration des Territoriums als „Lebender Wald“ - Kawsak Sacha

Es existiert bereits ein erstes Konzept der „Lebenden Wälder“ für den Schutz von Sarayaku und anderen indigenen Territorien. Grundsätzlich geht es darum eine neue Schutzgebietskategorie zu schaffen, welche die traditionellen Nutzungsweisen, Bräuche, Mythen und Tabus der Einheimischen anerkennt und die Verwaltung des Gebiets in ihre Hände gibt.

Um eine gesetzliche Anerkennung durch nationale und internationale Instanzen zu ermöglichen, wird dieses Konzept im Rahmen des Projekts ausgearbeitet und konkretisiert. Als Grundlage dafür werden bereits existierenden Informationen zusammengetragen und geordnet, Fehlendes wird ergänzt. Dabei werden die Kichwa in partizipativen Workshops mit Fachkräften aus den Bereichen Anthropologie, Biologie und Geographie zusammenarbeiten. Außerdem helfen Juristen bei der Einbettung des Konzepts in den nationalen Rechtsrahmen. 

Nach der Genehmigung durch den Regierungsrat und die Volksversammlung von Sarayaku wird der Entwurf den entsprechenden Behörden auf regionaler und nationaler Ebene vorgestellt und möglichst eine rechtliche Anerkennung erreicht. Darüber hinaus wird mit internationalen Institutionen wie UNESCO und IUCN die Schaffung einer neuen Schutz- und Verwaltungskategorie nach dem Konzept der Lebenden Wälder erörtert. 

Probefahrt mit dem Kanu (Einbaum) im Regenwald auf dem Fluss Bobonaza- ©Sarayaku
Ein Einbaum unterwegs im Regenwald ©Sarayaku
Die indigenen Kichwa in ihrem Kanu auf der Seine in Paris©Sarayaku
Ein Kanu aus Ecuador in Paris©Sarayaku
Auch auf der Klimakonferenz war Sarayaku gut vertreten
Indigene auf der COP21

5)  Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Waldschutz und indigene Rechte 

Während ihres jahrzehntelangen Kampfes gegen die Erdölkonzerne, und insbesondere nach ihrem gewonnenen Rechtsstreit gegen den Staat Ecuador, haben die Kichwa aus Sarayaku weltweit viel Aufmerksamkeit von den Medien und der Öffentlichkeit bekommen. Die selbe Aufmerksamkeit wollen sie nun für ihre Vision und konkreten Pläne für die Zukunft. Nicht nur Sarayaku braucht Lebende Wälder. Bei den vielen globalen Umweltproblemen müssen die Menschen weltweit ihr Verhältnis zur Natur und ihrer Umwelt überdenken, und Sarayakus Konzept „Kawsak Sacha“ kann dazu wichtige Anreize geben.

Die in dem Projekt gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse zur konkreten Umsetzung des Konzeptes der „Lebenden Wälder“ sollen zusammengetragen und einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden. Dazu werden mehrere Workshops in Sarayaku organisiert und diverse Info-Materialien erarbeitet. Damit kann das Konzept der „Lebende Wälder“ nicht nur auf regionaler, sondern auch auf nationaler und internationaler Ebene mittels Veranstaltungen, Konferenzen, Ausstellungen, Videos, Internet, usw. vorgestellt werden. 

Insbesondere sollen auch andere indigene Völker der Region von dem Konzept erfahren. Es könnte ihnen als Modell dienen, welches sie gemäß ihrer Situation und Bedürfnisse anpassen und anwenden können. Die Kichwa sind nur eines unter vielen indigenen Völkern, welche für ein selbstbestimmtes Leben auf ihrem Gebiet kämpfen. Wenn die Kichwa aus Sarayaku damit erfolgreich sind, kann das anderen Völkern Mut geben und Wege dorthin aufzeigen. 

Kichwafrauen von Sarayacu ©OroVerde
Ein Bildungszentrum mitten im Regenwald ©S. Schreier
Der Schulunterricht im Regenwald bei den Kichwa ©Mouratidi
Kiwcha-Mädchen mit Wollaffe im Regenwald ©V. Bungenberg