Interview mit einem Klimaexperten

Das sagt die Wissenschaft

OroVerde sprach mit Prof. Dr. Wolfgang Cramer, Leiter der Abteilung Globaler Wandel und Natürliche Systeme am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Globale Ökologie am Institut für Geoökologie der Universität Potsdam über die Rolle der Tropenwälder für das globale Klima. Das Interview führte Dr. Elke Mannigel. 

"Tropenwälder sind wichtige Klimaschützer"

Das Interview mit Professor Dr. Wolfgang Cramer 

OroVerde: In einer Ihrer Publikationen schreiben Sie gleich zu Anfang, dass tropische Wälder wichtig für den globalen Kohlenstoffkreislauf sind und damit auch für das globale Klima. Können Sie das kurz erläutern? 
Prof. Dr. Wolfgang Cramer: Ungefähr ein Fünftel der Emissionen von CO2 und anderen Klimagasen, die derzeit zum Klimawandel führen, stammen aus der Zerstörung von Wäldern weltweit – und davon die überwiegende Menge aus den tropischen Wäldern. Mit anderen Worten: ein Stopp der tropischen Entwaldung würde einen sehr effektiven Beitrag zum Klimaschutz sein können. Es handelt sich also um eine win-win-Situation: die nachhaltige Nutzung der Tropenwälder könnte sowohl die Artenvielfalt schützen, das Klima schonen und den Menschen der Region durchaus Arbeitsplätze schaffen.  

OroVerde: Welchen Einfluss haben tropische Wälder auf andere klimarelevante Prozesse? Beispielsweise Wasserkreislauf, Strahlungshaushalt und weitere Treibhausgase? 
Prof. Dr. Wolfgang Cramer: In unserer Arbeit am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung interessieren wir uns primär für den Kohlendioxid-Anteil des Kohlenstoffgehaltes, weil man hier den direktesten und einfachsten Einfluss der Entwaldung auf das Klima vor sich hat. Aber es gibt auch andere, sehr wichtige Effekte, beispielsweise die Veränderung der Atmosphärenchemie durch die Verbrennungsprozesse, und die Tatsache, dass die Niederschläge sich durch die Emissionen von Ruß und anderen Partikeln verändern. Solche und andere Fragen werden am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz untersucht. 

OroVerde: Durch die Abholzung tropischer Wälder werden jährlich große Mengen CO2 freigesetzt und dies trägt so zur Verstärkung des Treibhauseffekts bei. Können Sie Aussagen zu der Bedeutung dieser Treibhausgasquelle machen? Gibt es konkrete Zahlen, die zeigen, welche Rolle die Abholzung der Tropenwälder im Vergleich zu anderen Quellen (Verkehr und Industrie) einnimmt?  
Prof. Dr. Wolfgang Cramer: Es ist trotz aller Satellitenanalysen nach wie vor schwierig, das genaue Ausmaß der Zerstörung von Tropenwäldern zu messen und in eine Beziehung zur allgemeinen Degradierung von übernutzten Wäldern und aber auch zur Wiederbewaldung entwaldeter Flächen zu setzen. Deshalb kann man ganz genaue Zahlen schwer liefern. Ich möchte aber argumentieren, dass die letzte Tonne CO2 in diesem Zusammenhang gar nicht wichtig ist – denn die eingangs genannte Menge „Ein Fünftel kommt aus der Entwaldung“ ist so groß, dass sie jede Aktivität zum Schutz der Tropenwälder rechtfertigt, egal ob es „in Wirklichkeit“ vielleicht 17 % oder 23 % sind. Die Mengen, über die wir hier sprechen, sind riesig – aber trotzdem ist ihre Reduktion wichtiger als eine genaue Kenntnis der Zahlen selbst. 

OroVerde: Gibt es Prognosen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Regenwälder und ihre Biodiversität haben wird?  
Prof. Dr. Wolfgang Cramer: Prognosen hierfür kann es nicht geben, denn wir können heute nicht wissen, in welchem Ausmaß der Mensch das Klima schützen oder weiter aus dem Gleichgewicht bringen wird – denn dies hängt ja von industriellen und gesellschaftlichen Vorgängen in der ganzen Welt ab. Nach den aktuellen Annahmen über die zukünftigen Emissionen liefern Klimamodelle immer noch stark abweichende Abschätzungen der regionalen Temperatur- und Niederschlagsänderung in den Tropen. Aus dieser Modellunsicherheit wird manchmal geschlossen, man wisse ja ohnehin viel zu wenig und brauche daher keine Maßnahmen zu ergreifen. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass auch solche Klimamodelle, die relativ schwache Änderungstendenzen zeigen, weltweit deutliche Veränderungen der Niederschlagsverteilung zu erwarten geben. Und auf die Niederschlagsverteilung kommt es in den Tropen stärker an als auf die Temperatur. 

OroVerde:Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach wichtig, um den Klimawandel abzuschwächen und die negativen Auswirkungen möglichst gering zu halten? Welche Rolle können die Tropenwälder dabei spielen? 
Prof. Dr. Wolfgang Cramer: Den Tropenwald zu schützen heißt zunächst, die Emission der Treibhausgase um mindestens 20 Prozent zu verringern. Das ist sehr viel. Darüber hinaus kann die nachhaltige Nutzung auch von Tropenholz zu Substitionseffekten führen – das heißt, die Verbrennung von fossilen Brennstoffen verringern.

Von 2007
 

Das könnte Sie auch interessieren