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"European Green Deal" als Feigenblatt für Klimaschutz

Der European Green Deal soll aus Europa den ersten CO2-neutralen Kontinent der Welt machen - und das schon in 2050! Ein ambitioniertes Ziel für die bereits in Dezember 2019 vorgestellte Wachstumsstrategie, die gleichzeitig zur Minderung von Kohlenstoff-Emissionen, Förderung des Waldschutzes und erneuerbarer Energien beitragen soll. Europa als großer Vorreiter in Sachen Regenwald- und Klimaschutz? Dabei hängt besonders die EU stark von Agrarimporten ab. Nur China importiert mehr Agrarrohstoffe! Lagert Europa seinen Fußabdruck weiterhin in die Regionen anderer Länder aus, um vor seinen Bürger*innen bald mit vermeintlich weißer Weste dazustehen?

Ein Green Deal kann nur innerhalb der Grenzen erfolgreich sein!

In 2019 importierte die EU rund 1/5 ihrer gesamten Menge an pflanzlichen Agrarrohstoffen und 3/5 aller Fleisch- und Milcherzeugnisse, die innerhalb der EU verbraucht wurden. Dies ermöglicht es, der EU an einigen Stellen weniger intensive Landwirtschaft zu betreiben als es der Fall wäre, wenn sie weniger oder sogar gar nichts importieren würde! So kann die EU den Schein wahren und bewirkt so das Gegenteil von Klimaneutralität:
Die Exportländer haben weniger strenge Gesetze als es in der EU der Fall ist und die Handelsabkommen der EU sehen bislang noch keine klare Forderung nach nachhaltiger Produktion vor. Jedes Land definiert Nachhaltigkeit unterschiedlich und setzt sie auch unterschiedlich um. Viele verwenden Pestizide oder Herbizide, die entweder nur stark eingeschränkt genutzt werden in der EU oder sogar verboten sind!
So lagern die EU-Mitgliedsstaaten Umweltzerstörung und Klimasünden in andere Länder aus während sie in ihrem eigenen Land und gesamte EU das Lob für ihre „grüne Politik“ ernten.

Große Importe mit schweren Folgen

Einige Beispiele, die zeigen, wie unterschiedlich Umweltstandards in den Exportländern, die Europa zu seiner Klimaneutralität verhelfen sollen, gehandhabt werden:

  • Überdüngung
    Beim Anbau von Sojabohnen verwenden die Handelspartner der EU durschnittlich rund 34 kg Düngemittel im Vergleich zu 13kg pro Tonne Soja bei einem Anbau in der EU. Brasilien stellte 2014 sogar einen traurigen Rekordwert von 60 kg pro Tonne auf!
     
  • Regenwald-Zerstörung
    Während sich von 1990 bis 2014 die Flächen europäischer Wälder um 9 % vergrößern konnten (um 12,6 Millionen Hektar), wurden zur gleichen Zeit 11 Millionen Hektar Wald in anderen Teilen der Erde zerstört, um Nutzpflanzen anzubauen, die auf direkte oder indirekte Weise in der EU konsumiert wurden. 75 % dieser Waldzerstörung konnte auf die Produktion von Ölsaaten in Brasilien und Indonesien zurückgeführt werden - Regionen mit unschätzbarer Biodiversität und großen Kohlenstoffspeichern, die besonders wichtig sind im Kampf gegen die Klimakrise. Wenn mit den European Green Deal mehr Nachhaltigkeit propagiert wird, dann müssen auch Taten folgen. Zusätzlich wurden insgesamt 9 Millionen Hektar wurden zwischen 1990 und 2008 in der Amazonasregion und im Cerrado in Brasilien allein für den Soja-Anbau zerstört, um den steigenden Bedarf der EU nach Ölsaaten zur Tierfütterung und für Biodiesel zu decken.
     
  • Gentechnisch veränderte Pflanzen
    Seit 1999 gibt es hierzu klare Regelungen in der EU, die allerdings nicht für ihre Importländer gelten. Besonders Sojabohnen und Mais aus den USA, Brasilien, Argentinien und Kanada finden ihren Weg in die EU. Ein weiteres Thema, bei dem die EU keinen klaren Kurs fährt, was die interne Produktion und den Import von Agrarrohstoffen angeht.

Raus aus der Importfalle?

Innerhalb der EU werden tolle Nachhaltigkeitsziele wie die Reduktion von Düngemittel- und Pestizideinsatz und die Ausweitung des Öko-Landbaus auf 25 % bis 2030 angepriesen. Außerdem sollen 3 Billionen Bäume gepflanzt werden. Für die importierten Rohstoffe und die damit verbundenen Herkunftsländer sind solche Ziele bislang nicht festgelegt. Viele der bestehenden Regeln sind nicht strikt genug oder werden nicht gut genug geprüft. Zollbehörden haben weder die personellen noch die finanziellen Mittel oder gar eine klare Vorgehensweise, um zu überprüfen, ob die eingeführten Waren solche Nachhaltigkeits-Kriterien erfüllen, wenn sie an den europäischen Häfen ankommen. Aktuell füllen freiwillige Zertifizierungen und Regelwerke diese Lücke nur unzureichend.
Ein Beispiel: Nur 13 % des in die EU importierten Sojas in 2017 konnte als „entwaldungsfrei“ deklariert werden. 
Auch im Fleisch-Import steckt Entwaldung drin: Die EUI importiert jedes Jahr Rindfleisch im Wert von 500 Billionen US Dollar aus Brasilien. Vieles davon von Firmen, die Rinderzucht auf frisch entwaldeten Flächen betreiben.

Doch es gibt Lösungsideen und Bewegungen wie bspw. den "Green New Deal", die dafür sorgen wollen, dass dieser "Green Deal" kein Feigenblatt ist, sondern eine ernstgemeinte Nachhaltigkeitsstrategie, der EU, die einen Beitrag zum Wald- und Klimaschutz leistet.

Mit dem Green Deal müssen wir uns innerhalb planterarer Grenzen bewegen, weiß auch OroVerde-Vorständin Martina Schaub, Vorständin bei OroVerde - Die Tropenwaldstiftung:

Aus der Gesundheit- und Wirtschaftskrise finden wir ausschließlich innerhalb der ökologischen Grenzen heraus. Dies wird uns nur solidarisch - sowohl im europäischen als auch im internationalen Kontext - gelingen.

Daher unterstützt OroVerde als Mitglied des Deutschen Naturschutzrings (DNR) die Forderungspapiere des DNR. Dabei geht es vor allem darum, die Lücken des Green Deals sinnvoll zu füllen und so mit nachhaltigen Lebensmittelsystemen die angestrebten Klima- und Umweltschutzziele ehrlich und effektiv zu erreichen. Außerdem engagiert sich OroVerde für ein nachhaltiges und umfassendes Lieferkettengesetz.

Führende Forscher schlagen in ihrem Artikel in der Zeitschrift "nature" unter anderem vor, dass die EU bei Nachhaltigkeitsstandards eine klare Linie fährt und diese vereinheitlicht - für heimische Produkte genauso wie für Rohstoffe und Produkte, die über den Import in die EU gelangen. Es braucht ein klares Zertifizierungs- und Kennzeichnungssystem, so die Wissenschaftler. Auch wenn die EU keine nationalen Standards in anderen Regionen der Erde vorschreiben kann, kann sie über die Anforderungen an importierten Agrarrohstoffen solche Standards durchaus positiv beeinflussen. 
Außerdem sollte es einen klaren Maßstab für entwaldungsfreie Produkte und ihren Handel geben. 
Desweiteren schlagen die Experten vor, den Import von Rohstoffen zur Bioenergie (wie bspw. Soja für Biodiesel) nochmal deutlich zu überdenken und die Reduktion, wenn nicht sogar eine Einfuhrverbot in Betracht zu ziehen. Außerdem muss der Fußabdruck der EU nicht nur länder-spezifisch gemessen werden, sondern muss den Import mit einschließen. Jeder EU-Bürger*in verursacht rein rechnerisch rund 1 Millionen Tonne CO2 jedes Jahr - allein durch den Import von Waren.

Und das Wichtigste: Der Konsum - v.a. von Fleisch- und Milchprodukten muss heruntergeschraubt werden und zugleich muss eine extensive Öko-Landwirtschaft mit flächengebundener Tierhaltung innerhalb der EU gefördert werden! Beides immer wieder kontrovers diskutierte Maßnahmen, die jedoch unerlässlich sind für einen wirklich erfolgreichen Green Deal!

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