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Zu Gast in der Indigenengemeinde Sarayaku

Wie sieht das Leben der Menschen von Sarayaku mitten im Regenwald aus? Was beschäftigt unsere Projektpartner Tag für Tag? Unsere Praktikantin Jessica Heiler, Studentin aus Eberswalde, berichtet von ihren Erfahrungen vor Ort.

Draußen dämmert es langsam und ganz Sarayaku erwacht. Über die Holztreppe gelange ich aus der zweiten Etage des doppelstöckigen Holzhauses auf den festgetretenen Lehmboden und bahne mir zwischen Hühnern und Hunden meinen Weg in Richtung Fluss, der auch mein Badezimmer ist. Für die Menschen in Sarayaku beginnt jeder Tag mit einem rituellen Bad, so auch für mich.
Zurück am Haus klappern in der Küche schon die Töpfe, die Glut vom Vortag wird schnell wieder entfacht und gemeinsam bereiten wir das Frühstück vor. Die Jungen sind schon vom Fischen zurück und waren erfolgreich - Fisch gibt es zurzeit jeden Tag, denn die Fische des Río Bobonaza sind gerade auf dem Weg zu ihren Leichplätzen flussaufwärts. Der Fisch wird als Suppe zubereitet oder gut verpackt in Blättern als “Maytuk” neben das Feuer gelegt. Dazu gibt es wie jeden Tag Maniok und Kochbananen, das Brot der Amazonas-Kichwa.

Seit dem Aufstehen sind nach dem Frühstück bereits gut zwei Stunden vergangen, das heißt es ist ca. 7 Uhr morgens und der Tag beginnt so richtig; die Kinder machen sich auf den Schulweg und auch die Frauen und Männer gehen ihren vielfältigen Aufgaben nach. Denn das Leben „en la Amazonia“ ist um ein vielfaches komplexer als man sich vielleicht vorstellen mag.

Sarayaku ist gut organisiert - eine kleine Welt in sich – und genau das macht ihre Stärke aus. Gleichzeitig  bedeutet das aber auch, dass die Menschen in Sarayaku neben den täglichen Arbeiten, die nötig sind um die Ernährung sichern,  Kultur und Traditionen zu wahren, zahlreiche weitere Aufgaben und Pflichten zu bewältigen haben. Konferenzen der verschiedenen Regierungsinstitutionen oder Treffen der Arbeits- und Projektgruppen bestimmen zusätzlich den Tagesablauf.  Hinzu kommen die sogenannten Mingas, traditionelle Gemeinschaftsarbeiten, wie die Pflege der Wege oder des Trinkwassersystems, die einen ganzen Tag beanspruchen und ein gemeinsames Mittagessen, sowie eine Feier nach Abschluss der Arbeit beinhalten. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist für die Menschen hier oft nicht einfach.

Ich mache mich heute per Kanu auf dem Weg zum “Großen Platz”, wo es neben einem kleinen Laden, einer Kirche, Versammlungsräumen und anderen zentralen Einrichtungen Dank Solarzellen auch Elektrizität und seit einigen Monaten sogar einen Internetanschluss gibt. So kann ich einen Laptop leihen und mit José die nächsten Aktionen für das Projekt "Lebenslinie" planen. In den vergangenen Wochen haben wir unter anderem die Pflanzen transportfertig gemacht und in Zusammenarbeit mit den sechs Gemeinden Sarayakus die nächsten Expeditionen geplant. Die Grenzen Sarayakus liegen 2-3 Tagesreisen entfernt und die Teams, bestehend aus 6 Männern und/oder Frauen, bleiben einen Monat lang vor Ort um die Pflanzungen durchzuführen.

Während wir heute am Computer beschäftigt sind, arbeiten die Frauen den ganzen Tag über in den “Chakras” – eine Mischung aus Gemüsegarten und Feld. Die Chakras liegen oft eine Stunde vom Haus entfernt und ihre Lage wird alle drei Jahre gewechselt. Es werden Maniok, Mais und Kartoffeln, aber auch Früchte wie Papaya und Ananas angepflanzt. In geflochtenen Körben tragen die Frauen die Ernte nach Hause. Außerdem gehört es zu ihren Aufgaben sich um die stets zahlreichen Kinder zu kümmern und “Chicha” zuzubereiten; ein traditionelles Getränk aus gegorenen Maniokwurzeln, dass an keinem Tag fehlen darf. Ob jung oder alt - Chicha ist im Leben der Amazonas-Kichwa nicht wegzudenken.

Ich bin nun bereits einen Monat hier und dennoch gibt es jeden Tag neue Überraschungen, viel zu lernen und zu verstehen. Verglichen mit meinem Leben in Deutschland finde ich mich hier in einer Welt wieder, wie sie anders nicht sein könnte…

Die jungen Frauen in meinem Alter sind zum größten Teil verheiratet, haben zwei Kinder und arbeiten rund um die Uhr, um ihre Familien zu versorgen, während ihre Männer häufig den ganzen Tag auf der Jagd sind.

Spätestens gegen Sonnenunterngang finden sich aber alle wieder im Haus ein, denn in der Dunkelheit läuft hier niemand gerne durch den Wald. Es sieht nach Regen aus und ich bin froh, dass wir heute mit dem Kanu unterwegs sind, denn bei Regen verwandeln sich die Wege in Matschpisten, ohne Gummistiefel ist an ein vorwärtskommen nicht zu denken und die Wege sind weit. Ein einzelner Haushalt mag zwar gut und gerne drei oder mehr Generationen beherbergen, doch die einzelnen Häuser liegen weit voneinander entfernt.

Zuhause angekommen ist es, nach einem weiterem Bad im Fluss, dann wirklich dunkel. Wie fast jeden Abend sitzen wir auch heute nach dem Abendessen  noch lange ums Feuer in der Küche. Trotzdem wir zu siebt noch ein recht kleiner Personenhaushalt sind wird noch viel gelacht, entschieden und diskutiert: Im Süden will sich das Nachbardorf  ein Stück des Territoriums von Sarayaku aneignen; welche Maßnahmen sollen getroffen werden ohne weitere Konflikte heraufzubeschwören - und wer steckt dahinter? Eigennutz oder wieder einmal die Öllobby, die manipuliert, sich Leute erkauft und so Misstrauen in Organisationen, Lebensgemeinschaften und Familien streut um auf diesem Wege die Position Sarayakus zu schwächen?

Per Radio erfahren wir außerdem, dass der Kandidat aus Sarayaku nicht in die Assembly zur Erstellung der neuen Konstitution Ecuadors gewählt wurde. Was kommt nun? Werden die Rechte der Indigenen ausreichend berücksichtigt werden? Wird der Staat die Sprengstoffe, die immer noch im Gebiet von Sarayaku liegen, ordnungsgemäß entfernen oder ist mit weiteren Problemen und Fallen zu rechnen?

Diese und weitere Fragen lassen bestimmt nicht nur mich am Ende des Tages müde ins Bett fallen. Der ständige Kampf und nötige Widerstand sind hier allgegenwärtig - und bis sich das endlich ändert wird wohl noch einiges an Wasser den Bobonaza hinunter fließen…

Hier finden Sie mehr Informationen zu unserem Projekt in Sarayaku, Ecuador. Die Indigenengemeinde lebt seit Jahrhunderten im Amazonas-Regenwald. Doch auch unter ihrem Wald wurde Erdöl gefunden. Nun bedroht die Förderung dieses einmalige Ökosystem und den Fortbestand der Kultur der Kichwa-Indianer.