Ebenenen des Stockwerkbaus im Regenwald ©ÖZI's COMIX STUDIO & OroVerde

Stockwerkbau

Vielfalt auf mehreren Ebenen

In den immergrünen tropischen Tieflandregenwäldern findet man eine Vielfalt an Tieren und Pflanzen wie sonst kaum irgendwo auf der Erde. Die verschiedenen Etagen des Regenwaldes (auch Stockwerke genannt) sind in ihrer Beschaffenheit ebenso vielfältig wie in den Tierarten, die dort leben und um einiges größer, als wir es von unseren heimischen Wäldern gewohnt sind.

Jedes Stockwerk des Regenwaldes hat Einfluss auf die anderen Stockwerke und jede Tier- und Pflanzenart hat sich optimal an ihr Umfeld angepasst. Das Ganze ähnelt einem Hochhaus mit verschiedenen Etagen und Bewohnern: die fünf Stockwerke des Regenwalds. Der Stockwerkbau ist ein Stichwort, das man in vielen Lehrmaterialien findet, besonders wenn es um das Thema "tropischer Regenwald" geht. Der Stockwerkbau gilt schon lange als eines der Charakteristika des Regenwaldes. Allerdings variiert die Anzahl der Stockwerke - je nachdem welche Einteilung man verwendet. Zudem lässt sich im Regenwald vor Ort mit bloßem Auge meist keine klare Unterteilung erkennen und alles geht fließend ineinander über. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass in den verschiedenen Höhen der Bäume und Sträucher ganz unterschiedliche Tiere leben. Der Tropenökologe Gerhard Gottesberger brachte es in einem Interview mit dem SPIEGEL zu einem Regenwald-Gebiet in Französisch-Guayana einmal auf den Punkt: "Alle fünf Meter findet man unterschiedliche Lebensgemeinschaften." Gehen Sie mit uns auf eine Reise durch die verschiedenen Stockwerke des Regenwaldes.

Schon gewusst?
  • Ein Überständer (Emergent) kann die Höhe der Berliner Siegessäule von 67 m erreichen.
  • Der bislang höchste Baum der Tropen wurde auf Borneo entdeckt und misst 89,5 m. Das ist fast so hoch wie die Freiheitsstatue in New York und entspricht etwa 22 Stockwerken eines Hochhauses

Fragen und Antworten zum Stockwerkbau

Wie ist der Regenwald aufgebaut?

Wenn man sich den Aufbau des Regenwaldes ansieht, gehen Theorie und Praxis etwas auseinander. Der Stockwerkbau wird in vielen Lehrbüchern erklärt und als eines der Merkmale tropischer Regenwälder dargestellt. Sind die OroVerde-Mitarbeiter in der Praxis vor Ort unterwegs, ist es jedoch nicht immer leicht, genau diese verschiedenen Stockwerke im jeweiligen Regenwald zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Klar ist: Die tropischen Regenwälder dieser Erde bieten viele Nischen für unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten. Selbst eine einzige Bromelie auf einem Ast des Urwaldriesen kann ein eigenes kleines Biotop für eine Reihe an Tierarten darstellen. 

... für den Regenwaldschutz.


Wer bewohnt das 1. Regenwald-Stockwerk, die Boden- und Krautschicht?

Das unterste Stockwerk des Regenwaldes geht bis etwa 1 m über dem Boden. Hier unten herrscht bei rechtkonstanten +20-25º C und einer Luftfeuchtigkeit von 90-100% ein humides Klima, in dem viele Moose und Farne gut gedeihen. Es entsteht oft Staunässe. Außerdem findet man hier auch häufiger holzzersetzende Pilze sowie Wurzelparasiten (z. B. die bekannte Rafflesie aus Südostasien). Da nur noch 1% des Sonnenlichtes von oben durchdringt, haben viele der Pflanzen riesige Blätter entwickelt, um das wenige Licht zur Photosynthese aufnehmen zu können. In der untersten Schicht findet man auch die Basis der sogenannten Brettwurzeln, die die Baumriesen mit ihrer großen, flügelähnlichen Fläche stützen. Sie sind typisch für die hohen Bäume der Tropen- und Regenwälder. Neben ihren Pflanzen beherbergt die Schicht viele Kleinstlebewesen und Insekten, die sich von abgestorbenen Blättern und toten Bäumen ernähren. Auch der Hüttengärtner, eine Vogelart aus Neuginea, nutzt den Waldboden, um dort Weibchen mit ihren aufwendig dekorierten Nestern zu beeindrucken. Neben den Kleinen sind hier auch Große anzutreffen: Jaguare, Sumatra Tiger, Tapire, Pekaris, Nagetiere, Gürteltiere, Termiten, Asseln sowie flugunfähige Vögel wie Casuare und Vogelspinnen bewegen sich im untersten Stockwerk.


Welche Tiere findet man im 2. Regenwald-Stockwerk (Strauchschicht)?

Wir sind bei einer Höhe von einem bis acht Metern angelangt. Unter dem dichten Blätterdach der höheren Stockwerke ist es sehr düster: Es herrscht Lichtmangel. Diese Bedingungen sorgen für eine weniger üppige Vegetation als in den höheren Schichten des Regenwaldes. Licht ist der wichtigste Mangelfaktor im Unterwuchs. In erster Linie wachsen hier Sträucher mit großen Blättern, kleine Palmenarten, Schraubenbäume und Büsche. In tropischen Tieflandregenwäldern stehen sie allerdings i. d. R. so licht, dass man sich ohne Probleme frei bewegen kann. Bei den hier herrschenden ca. 25º C und der hohen Luftfeuchtigkeit fühlen sich viele Insekten und Schlagen wohl. Eine von ihnen ist der Grüne Baumpython, dessen Jungtiere man hier zusammengerollt auf einem Ast ruhend finden kann. Außerdem kann man in dieser Schicht Blattschneideameisen sowie weiter oben im Stockwerk auch Ameisenbären finden. Zudem fühlen sich hier manche Kolibriarten, Ameisenvögel und Stabheuschrecken sowie Zykaden wohl.
 


Wie sieht die untere Baumschicht (das 3. Stockwerk des Regenwaldes) aus?

Je weiter es hinab geht, desto dunkler wird es. Wir befinden uns jetzt auf etwa 8 - 20 m Höhe. Bei Temperaturen von 25-30º C und einer höheren Luftfeuchtigkeit als in den oberen beiden Stockwerken, finden kleinere Baumarten wie Gummibaum und Kakao, aber auch junge Pflanzen, Schutz vor der Hitze. Zudem können sie das wenige Licht optimal nutzen. Die Bäume bilden daher schmale Kronen mit spindel- bzw. kegelförmiger Form aus, die die engen Lichtschneisen optimal ausnutzen können. Dadurch ist der Bewuchs nicht so dicht, wie in der Schicht des Kronendachs. Neben Bäumen mit auffälligen Blüten und Samen mit Fruchtfleisch findet man vor allem Palmen und Baumfarne in der unteren Baumschicht. Hier leben unter anderem Nasenbären, Kolibris, Schmetterlinge und Pfeilgiftfrösche. 


Wer wohnt im 4. Stockwerk (Kronendach) des Regenwaldes?

In dieser Etage des Regenwaldes, die zwischen 25 und 40 m hoch wird, kann immer noch eine Hitze von 30-35º C herrschen. Zudem gibt es eine konstantere Luftfeuchtigkeit von 80-90%. Die Schicht des Kronendachs ist sehr dicht, hier grenzt Baumkrone an Baumkrone. Im Kronendach leben die meisten Tiere des Regenwaldes. Faultiere, Tamarine, Fledermäuse, Baumschlangen, Trogone, Tukane, Iguanas, viele Affenarten wie beispielsweise Brüllaffen, Orang-Utans, Wollaffen, Gibbons, Baumsteigerfrösche, Papageien, blattfressende Insekten und noch viele mehr sind hier zuhause. Übrigens: Brüllaffen können sich so lautstark bemerkbar machen, dass sie leicht eine Lautstärke von 90 Dezibel erreichen können. Da das Kronendach nur schwer zugänglich ist, ist es weniger erforscht als der Rest des Waldes. Der Tropenökologe Gerhard Gottsberger schätzte in einem Interview mit dem SPIEGEL sogar, dass die Baumkronen, neben der Tiefsee, die am wenigsten erforschten Lebensräume der Erde sind.


Das 5. und oberste Stockwerk: Die Urwaldriesen unter sich?

Urwald- oder Baumriesen, Überständer oder Emergenten – die höchsten Bäume der tropischen Regenwälder haben viele Bezeichnungen. Sie überragen das Kronendach und erreichen eine Höhe von bis zu 65 oder sogar 80m – das ist höher als die Berliner Siegessäule. Der wahrscheinlich größte Baum, der bisher in den Tropen entdeckt wurde, misst sogar 89,5 m. Er zählt zur Art der Yellow Meranti und wurde auf Borneo gefunden. Würde man etwa 20 britische Doppeldeckerbusse übereinander stapeln, käme man auf diese Höhe. Um so groß zu werden wie dieser Baumriese, braucht es seine Zeit: Die Giganten können einige hundert Jahre alt sein. Paranussbäume z. B. können über 300 Jahre alt werden. Aufgrund ihrer enormen Größe haben einige der Bäume sogenannte Brettwurzeln, die sie stützen.

Über den Dächern der Regenwälder herrscht ein heißes Klima mit Temperaturen von etwa 35º C, da es keinen Schatten gibt. Außerdem gibt es Schwankungen in der Luftfeuchtigkeit, die hier zwischen 70 und 100% betragen kann. Die Kronen der Überständer sind oft groß und überragen einiges. Einige dieser Bäume haben kleinere Blätter mit Verdunstungsschutz. Die Pollen- und Samenverbreitung geschieht häufig über den Wind.
Unterschiedlichste Tierarten leben in diesem Stockwerk: vor allem Vögel wie Tukane, Aras, Adler und manche Kolibriarten, aber auch kleine Baumsteigerfrösche und Schmetterlinge wie der Morpho-Falter. Zudem siedeln sich hier faszinierende Pflanzenarten an: Sogenannte Aufsitzerpflanzen wie beispielsweise einige Orchideen- und Bromelienarten versorgen sich über Luftwurzeln mit allem, was sie benötigen. 

Überständer sind besonders typisch für immergrüne Tieflandregenwälder in den Tropen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Arten: In Südamerika sind der Paranuss- und der Kapokbaum typische Emergenten und auf Borneo beispielsweise sind es Meranti-Bäume.

Die Bewohner des Regenwaldes

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Fotonachweis: K. Wothe (Slider No. 2,3+6); Özi's Comix Studio (Stockwerkbau, 1. Stockwerk)

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