Zu den atemberaubenden Geheimnissen des Regenwaldes gehören zweifellos seine zahllosen Nutz- und Heilpflanzen. Jedes vierte moderne Medikament enthält Wirkstoffe aus Waldpflanzen. Insgesamt werden etwa 70.000 Pflanzenarten medizinisch genutzt. Wusstest Du zum Beispiel, dass die tropische Sisal-Agave den Rohstoff für bestimmte Hormone in Verhütungsmitteln liefert? In diesem Beitrag lernst du, wie die tropischen Regenwälder mit unserer Gesundheit zusammenhängen.
Regenwaldschutz ist Gesundheitsvorsorge
Neben Nahrungsmitteln, Baustoffen und vielem mehr stellt uns die Natur eine große Menge an Substanzen für unsere Medikamente zur Verfügung. In den Regenwäldern ist der Reichtum an Heilpflanzen besonders groß: Jedes vierte Medikament aus unserer Apotheke enthält Wirkstoffe, die aus Waldpflanzen entwickelt wurden. Biologische Vielfalt ist somit ein wichtiger Grundstein für unsere Gesundheit.
Mechanismen und Phänomene aus der Natur nachzuahmen, kennen wir im technischen Bereich unter dem Begriff Bionik. Gerade die Tropenwälder stecken hier durch ihre Artenvielfalt voll unerforschtem Potenzial. Leider sterben viele Pflanzen- und Tierarten aus, bevor ihre besonderen Fähigkeiten untersucht werden können. Zu spät kam man zum Beispiel beim Magenbrüterfrosch aus Australien. Die Weibchen zogen ihre Kaulquappen im eigenen Magen auf. Damit der Nachwuchs nicht einfach verdaut wurde, produzierten die Kaulquappen ein Sekret, das die Magensäureproduktion der Mutter hemmte. Forschende wollten prüfen, ob dieser Stoff bei der Behandlung von Magengeschwüren helfen könnte. Doch das letzte Exemplar des Magenbrüterfrosches war bereits ausgestorben. Mit ihm ging auch eine mögliche Grundlage für neue Medikamente verloren.
Schutz von Indigenen bedeutet Gesundheitsvorsorge
Nicht nur die Vielfalt an tropischen Heilpflanzen selbst ist wichtig. Auch das Wissen der indigenen Völker um ihre Wirkungsweise ist von großer Bedeutung. Sie kennen den Wald mit seinen Pflanzen und deren Nutzen besser als jeder andere und nutzen ihn teilweise seit Jahrtausenden. Diese bereits vorhandene Erfahrung macht den Entwicklungsprozess neuer Medikamente um etwa 400 Prozent effizienter. Denn so wissen Forschende bereits, welche Pflanze für welche Krankheit genutzt werden kann.
Doch dieses traditionelle Wissen ist bedroht. Mit der fortschreitenden Zerstörung der Tropenwälder verlieren viele indigene Gemeinschaften ihre Lebensgrundlage und wandern in Städte ab. Hinzu kommt, dass die moderne Medizin die traditionelle Medizin zunehmend verdrängt.
Traditionelles Wissen ist sprachspezifisch
Indigene Sprachen sind die Grundlage für den Erhalt von traditionellem medizinischen Wissen. Denn dieses wird mündlich überliefert. Etwa 75 Prozent des traditionellen Wissens zu Pflanzen und ihren Heilwirkungen existieren nur in jeweils einer einzigen indigenen Sprache. Sterben diese Sprachen aus, gehen auch große Teile des darin enthaltenen Wissens verloren.
Der Schutz indigener Gemeinschaften ist nicht nur für die Menschen von großer Bedeutung. Mit ihnen bleibt auch das wertvolle Wissen über Heilpflanzen und ihre Wirkung erhalten. Ein Beispiel ist die Kichwa-Gemeinde in Sarayacu in Ecuador. Die indigene Gruppe in der Amazonas-Region hält bewusst an ihrer traditionellen Lebensweise fest. Sie will das medizinische Wissen ihrer Schamanen bewahren. OroVerde unterstützt die Gemeinde bereits seit einigen Jahren bei ihrem Kampf um den Schutz des Regenwaldes. Dazu gehört auch, den Austausch über Heilpflanzen und ihren Anwendungen zu fördern. So bleibt Wissen erhalten und wird an die nächste Generation weitergegeben.
Biopiraterie: Diebstahl von Wissen und genetischen Ressourcen
Tropische Pflanzen und indigenes Wissen haben der westlichen Medizin bereits zu einer Vielzahl an wirksamen Medikamenten verholfen. Mit diesen verdient die Pharmaindustrie jedes Jahr mehrere Milliarden Euro. Doch die Menschen, von denen dieses Wissen stammt, profitieren oft kaum davon. Heilpflanzen und indigenes Wissen werden oft ohne die Zustimmung oder Vergütung exportiert, patentiert und vermarktet. Wenn das der Fall ist, spricht man von Biopiraterie.
Wieviele Heilpflanzen kommen aus dem Regenwald?
Bisher sind nur etwa zwei Prozent aller Pflanzenarten erforscht. Mehr als 70.000 Pflanzenarten werden weltweit als traditionelle Heilmittel oder in der modernen Medizin eingesetzt.
Viele Pflanzen und Tiere bilden Gifte und andere Stoffe, um sich gegen Fressfeinde zu schützen. Einige von ihnen können auch für die Medizin interessant sein. Durch Isolierung dieser Stoffe ist es möglich, sie in Form von Medikamenten anzuwenden. Meist werden die isolierten Wirkstoffe nicht direkt als Arzneimittel eingesetzt, Sie dienen als Grundlage zur Herstellung von Arzneimitteln wie Tabletten, Salben oder Tinkturen.
Der Tropenwald liefert zum Beispiel wichtige Grundsubstanzen für die Chemotherapie für unterschiedlichen Arten von Krebs. Diese Mittel werden unter anderem aus dem „Madagaskar-Immergrün“ gewonnen. Traditionell wird der Blütenauszug dieser Pflanze auch bei Halsschmerzen und Erkältungen eingesetzt.
Die tropische Sisal-Agave bildet ein sogenanntes Pflanzensteroid namens Hecogenin. Dieses kann als Rohstoff für die Herstellung bestimmter Hormone dienen. Solche Hormone kommen zum Beispiel in Verhütungsmitteln zum Einsatz.
Regenwaldschutz als Schutz vor Zoonosen
Rund 70 bis 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten des Menschen stammen ursprünglich von Tieren. Aktuelle Forschung konnte zeigen, dass Umweltzerstörung und der Ausbruch von Infektionskrankheiten in direktem Zusammenhang stehen.
In einem intakten Ökosystem leben viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten mit unterschiedlichsten Spezialisierungen. Auch Viren und Bakterien sind ein natürlicher Bestandteil solcher Systeme, sie können sich in der Regel jedoch nicht so schnell ausbreiten. Die Zerstörung ihres Lebensraums stellt viele Arten in den Tropenwäldern vor Probleme. Sie finden weniger Nahrung, Wasser und geschützte Orte. Unter diesen Bedingungen breiten sich Krankheitserreger unter bereits geschwächten Tieren und Pflanzen leichter und schneller aus. Wenn sich, zum Beispiel durch Abholzung, menschliche Siedlungen und Wildtiere immer näher kommen wird auch die Übertragung auf den Menschen wahrscheinlicher. Solche Übertragungen bezeichnet man als Zoonose. Ihre Ausbreitung bis hin zur Pandemie wird durch menschliche Umweltzerstörung erleichtert. Covid-19 war ein eindrückliches Beispiel dafür. Eine gesunde Umwelt schützt uns also nicht nur durch ihre Heilpflanzen, sondern auch präventiv, indem viele Krankheiten sich gar nicht erst ausbreiten.
Apotheke Regenwald
Tropenwälder bilden die natürliche Basis für viele unserer modernen Medikamente. Sie werden oft als die größte natürliche Apotheke der Welt bezeichnet. Hier werden einige spannende Beispiele für tropische Pflanzen vorgestellt, deren Wirkstoffe längst in der westlichen Medizin etabliert sind:
Wie der Name bereits vermuten lässt, stammt diese krautige Pflanze ursprünglich aus Madagaskar, ist mittlerweile jedoch weltweit in den Tropen verbreitet.
In der Medizin werden ihre Blätter verwendet, die die Wirkstoffe Vincristin und Vinblastin enthalten. Diese kommen bei der Behandlung bestimmter Krebsarten zum Einsatz, z. B. bei Leukämie und Lymphomen. In der Krebstherapie spielen Wirkstoffe aus Pflanzen übrigens eine besonders große Rolle: Mehr als die Hälfte der Krebsmedikamente, die zwischen 1981 und 2019 in den USA zugelassen wurden, sind natürlichen Ursprungs.
Als süße exotische Delikatesse kennt sie jeder von uns: Die Frucht der Ananaspflanze, eine der bekanntesten Arten der Bromeliengewächse.
Aber nicht nur die Frucht, auch der Stamm dieser tropischen Pflanze ist für uns von Interesse. Er enthält Bromelain, ein Gemisch aus entzündungshemmenden und abschwellenden Enzymen. Man setzt dieses z. B. nach Operationen und bei Verletzungen ein, aber auch bei Nasennebenhöhlenentzündungen.
Schon vor Jahrhunderten wussten die Ureinwohner Brasiliens, dass das Kauen der aromatisch riechenden, scharf schmeckenden Blätter des Jaborandi-Strauches zu vermehrtem Schwitzen und Speichelfluss führt. Später erkannte man zudem, dass sich durch den Konsum die Pupillen verengen. Dies machte die Pflanze interessant für die Augenheilkunde. Der aus den Blättern isolierte Wirkstoff Pilocarpin wird heute vor allem in Augentropfen zur Senkung des Augeninnendrucks verwendet. Als Tablette kommt er außerdem bei schweren Störungen der Speichelbildung zum Einsatz.
Ebenfalls in den Tropen beheimatet ist der Ingwer. Der Wurzelstock der kultivierten Staude ist bei uns nicht nur in der Getränke- und Lebensmittelindustrie beliebt, sondern auch aufgrund seiner vielfältigen therapeutischen Wirkungen. Als belegt gelten seine Wirksamkeit gegen Übelkeit sowie seine entzündungshemmenden Eigenschaften. Als Arzneimittel wird der gemahlene Ingwerwurzelstock in Kapseln gegen Reiseübelkeit verabreicht. Mehr Informationen zu Ingweranbau und Nutzung.
Diese tropischen Schlingpflanzen mit ihren großen, spektakulären Blüten sind hauptsächlich in den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas beheimatet. Schon im 16. Jahrhundert brachten spanische Eroberer das Wissen über die therapeutischen Wirkungen der Passionsblume mit nach Europa.
Die Extrakte aus dem Kraut der Pflanze werden traditionell bei nervösen Unruhezuständen und Einschlafstörungen angewendet. Aufgrund ihrer vielfältigen positiven Wirkungen war die Passionsblume 2011 hierzulande sogar „Arzneipflanze des Jahres“.
Naturapotheke
Es gibt allerdings weitaus mehr Pflanzen, die aktuell noch nicht in der westlichen Medizin eingesetzt werden, aber ein fester Bestandteil indigener Heilkunde sind. So werden zum Beispiel die Blätter von Dracaena cantleyi, einer Pflanze aus der Gattung der Drachenbäume, von indigenen Völkern auf Borneo zur Behandlung von Muskelschmerzen und Schwellungen verwendet. Wirft man eine Barbasco-Wurzel in ein Gewässer, wirkt sie kurzzeitig als natürliches Betäubungsmittel für Fische und erleichtert deren Fang.
Übrigens sind wir Menschen nicht die einzigen, die die Heilkräfte von Regenwaldpflanzen gezielt nutzen. Auch Orang-Utans behandeln ihre Verletzungen teilweise gezielt, indem sie bestimmte Blätter zerkauen und den so entstandenen Saft auf die Wunde auftragen.
Wie groß das Potenzial des Regenwalds als Naturapotheke der Erde tatsächlich ist, lässt sich nur erahnen. Viele Arten sind noch unerforscht. Bevor es gelingt, ihre mögliche Heilwirkungen zu untersuchen, sterben leider viele von ihnen aus. Auch die traditionellen Wissensträger sind in ihrer Lebensweise und Existenzgrundlage gefährdet. Der Schutz von Regenwäldern, ihrem Artenreichtum und indigenen Gemeinschaften ist für uns alle also auch ein Gesundheitsschutz!
Häufig gestellte Fragen
Ein Viertel aller modernen Medikamente stammt von Pflanzen aus den Regenwäldern. Bestimmte Stoffe in den Pflanzen bilden dabei jeweils die Grundlage für die Medikamente. Ein Beispiel ist das Madagaskar-Immergrün, das bei der Behandlung mancher Krebsarten eingesetzt wird.
Der Regenwald bietet ein unglaubliches Potenzial an Heilpflanzen, aus denen Medikament entwickelt werden können. Erforscht ist davon erst ein Bruchteil. Konsequenter Regenwaldschutz kommt also auch unserer Gesundheit ganz direkt zugute.
Im Amazonas-Regenwald gibt es eine große Fülle an Heilpflanzen, von denen noch längst nicht alle bekannt sind. Beispiele sind die Passionsblume gegen Nervosität und Einschlafstörungen oder ein Wirkstoff aus den Blättern des Jaborandi-Strauchs, der in der Augenheilkunde zur Senkung des Augeninnendrucks eingesetzt wird.
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