Artenvielfalt im tropischen Regenwald ©OroVerde

Faszinierende Artenvielfalt

Bedeutung und die wichtigsten Fakten

Die Artenvielfalt ist der bekannteste Teil der Biodiversität. Sie ist die Summe der unterschiedlichen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, sowie Mikroorganismen, die innerhalb eines Lebensraumes oder geografischen Gebietes vorkommen.

Die Artenvielfalt hat sich im Laufe der Erdgeschichte entwickelt. Durch immer weitere Anpassung der einzelnen Lebewesen durch evolutionäre Prozesse an ihre Umwelt entstand ein immer komplexer werdendes Geflecht. Dieses hat letztendlich zu artenreichen und hochkomplexen Ökosystemen geführt, die eine Vielzahl an Arten beherbergen. Der Begriff Artenvielfalt wird fälschlicherweise oft gleichbedeutend zu Biodiversität verwendet. Die Artenvielfalt ist jedoch zusammen mit der genetischen Vielfalt und der Vielfalt der Ökosysteme nur ein Teil der Biodiversität.

Schon gewusst, ...

Wie viele Arten gibt es auf der Welt?

Es ist kaum zu glauben, aber die genaue Anzahl der Arten auf unserer Erde ist noch völlig unbekannt. Die meisten Schätzungen von Wissenschaftlern bewegen sich zwischen zwei und zehn Millionen Arten weltweit, teilweise auch deutlich darüber. Der neuste Bericht des Internationalen Biodiversitätsrates (IBPES - Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) vermutet acht Millionen Tier- und Pflanzenarten. Diese Ungenauigkeit erklärt sich dadurch, dass bislang nur ein Bruchteil von etwa zwei Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben worden ist und jedes Jahr kommen zigtausende neue Arten dazu. Auf diesem Gebiet gibt es also noch viel zu entdecken! 

Wie viele Arten sterben pro Jahr aus?

Dementsprechend gibt es auch nur Schätzungen zur Anzahl der Arten, die pro Jahr aussterben. Derzeit geht man von mehreren Tausend pro Jahr aus. Da die Erforschung neuer Arten außerdem nur langsam vorangeht, sind manche bereits bedroht oder sogar ausgestorben, bevor sie überhaupt beschrieben werden. Ob Arten bzw. Biotope ausgestorben, verschollen oder gefährdet sind, wird auf der „Roten Liste“ der Weltnaturschutzunion (IUCN) festgehalten. Dort wird derzeit fast ein Drittel aller weltweit untersuchten Arten als gefährdet aufgelistet. Die tatsächliche Anzahl gefährdeter Tier-, Pflanzen und Pilzarten kann allerdings auch deutlich höher sein, da bislang nur ein recht kleiner Teil aller Arten von der IUCN überhaupt bewertet wurde. 

Wie viele Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht?

Laut den Wissenschaftler*innen von IBPES sind von den vermuteten 8 Millionen Arten rund 1 Million vom Aussterben bedroht! Es wird derzeit davon ausgegangen, dass mehrere Tausend Tier- und Pflanzenarten pro Jahr aussterben. Da die Erforschung neuer Arten außerdem nur langsam vorangeht, sind manche bereits vom Aussterben bedroht oder existieren sogar nicht mehr, bevor sie überhaupt entdeckt werden. Die jüngsten Zahlen sind erschreckend: 

  • Mehr als 40 Prozent der Amphibien
  • fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen
  • mehr als ein Drittel der marinen Säugetiere
  • und etwa 10 Prozent des schwer zu erfassenden Insektenvorkommens sind gefährdet.

Wie wird die Artenvielfalt gemessen?

Wie artenreich bestimmte Gebiete tatsächlich sind, weiß man nicht unbedingt. Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt untersuchenüberwachen und zählen Tiere, Pflanzen und Lebensräume. Als Spezialisten für ihr Fachgebiet versuchen sie so einen Überblick zu bekommen, wie viele verschiedene Arten es auf unserer Erde gibt. Für unterschiedliche Arten werden dabei unterschiedliche Methoden benutzt. Größere Arten erfasst man durch einfaches zählen in der Natur, bei großen Herden und offenem Gelände wird das teilweise sogar aus dem Flugzeug heraus gemacht. In unwegsamen Gelände mit dichtem Bewuchs haben sich Kamerafallen bewährt oder man zählt die Hinterlassenschaften der Tiere wie Kot oder Haarbüschel. Heutzutage nutzt man auch DNA-Analysen und andere Laborverfahren, um zum Beispiel die Artenvielfalt in Gewässern oder die genetische Vielfalt einer Art zu bestimmen.  Mit den Daten zu einzelnen Arten und Erhebungen zur Artenvielfalt in einem Gebiet  lässt sich mit komplizierten Berechnungen die Biodiversität ermitteln. Andere Wissenschaftler und Institutionen tragen die veröffentlichten Studien und andere Aufzeichnungen zu einzelnen Arten und Regionen zusammen, und ermittel so grob, wie es um die globale Biodiversität steht.

Aktuelles Beispiel: Der Bericht des UN-Gremiums IBPES wurde so zum Beispiel in drei Jahren von 145 Fachleuten aus mehr als 50 Ländern und 310 weiteren Autoren verfasst. Sie wählten aus mehreren hunderttausend wissenschaftlichen und politischen Publikationen rund 15.000 der relevantesten aus, bewerteten sie und stellten die Beiträgen in einen Zusammenhang. So ergab sich ein Gesamtbild der Umwelt-Veränderungen der letzten 50 Jahre.

Artenvielfalt in den Tropen

Die Arten sind nicht gleichmäßig über die Weltkugel verteilt. Die Ökosysteme in den Tropen, der Region entlang des Äquators, sind besonders artenreich. Hier liegen auch alle tropischen Regenwälder. Ursache dafür ist zum einen die hohe Sonneneinstrahlung, die viel Energie für die Produktion von Biomasse liefert und zum anderen die klimatische Stabilität dieser Region. Hinzu kommt die strukturelle Vielfalt der tropischen Ökosysteme, die viele unterschiedliche ökologische Nischen ermöglicht. Nach Schätzungen kommen in den tropischen Regenwäldern80 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vor, obwohl diese Wälder nur etwa sieben Prozent der Landfläche einnehmen. Von den marinen Lebensräumen beherbergen ebenfalls die tropischen Korallenriffe die größte Artenvielfalt.

Artenvielfalt sorgt für Stabilität

Ökosysteme wie Regenwälder und Korallenriffe reagieren besonders sensible auf bestimmte Umweltveränderungen, manchmal schon auf das Verschwinden einer einzigen Art. Wie in einem Kartenhaus hat jede Tier- und Pflanzenart ihre Rolle und stabilisiert das System. Fehlen Elemente, kann das Kartenhaus Regenwald schnell instabil werden oder zusammenbrechen. So erhöht die Artenvielfalt meist die Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems. Die Widerstandskraft und der Widerstand gegenüber Störungen dämpfen die Auswirkungen von Eingriffen des Menschen. Sind sie hoch, hat das Ökosystem eher die Chance wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ist der Eingriff des Menschen in das Ökosystem jedoch zu stark, die Zerstörung zu groß, kann auch ein sehr widerstandsfähiges Ökosystem sich nicht mehr erholen und wird für immer verloren gehen. Dabei ist es häufig nicht möglich, für eine bestimmte Art vorherzusehen, ob ihr Verschwinden große oder kleine Veränderungen bewirken wird. Daher ist ein umfassender Schutz der gesamten Artenvielfalt eine wichtige Vorsorgemaßnahme für eine funktionierende Umwelt. Dennoch haben Studien für einige Tierarten gezeigt, dass sie besondere Funktionen haben können.

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher als die anderen.

Keystone species und andere Arten mit besonderer Bedeutung

Auch wenn die einzelnen Knoten im Netzwerke eines Ökosystems wichtig sind und für das funktionierende Gleichgewicht benötigt werden, gibt es einzelne Arten denen aus verschiedenen Gründen eine größere Bedeutung zukommt:

  • Keystone species (zu Deutsch Schlüsselart): Spielt eine besondere Rolle in der Struktur, der Funktion, der Produktivität eines Lebensraumes oder Ökosystems, zum Beispiel das Aguti oder der Tapir.
  • Flagship species (zu Deutsch Flaggschiffarten): Arten, die in der Öffentlichkeit als Sympathieträger wirken, mit denen Schutzmaßnahmen für Lebensräume und andere Arten erreicht werden können. z.B. Paradiesvögel, Quetzal (Wappentier von Guatemala) oder der Tukan.
  • Umbrella species (zu Deutsch Regenschirmart): Schützen wir diese Art, dann spannen wir auch über viele weitere Arten einen Schutzschirm auf. So durchstreift der Jaguar sehr große Gebiete, wollen wir ihn schützen, dann schützen wir gleichzeitig alle anderen Arten in seinen großen Revieren.

Manche Arten können alles drei sein, so ist der Jaguar eine Flaggschiff-Art, wie alle Großkatzen, er ist  eine Regenschirmart, deren Schutz vielen anderen Arten zugutekommt und als Spitze der Nahrungskette ist er auch eine Schlüsselart. Was eine Schlüsselart oder eine "Umbrella species" ausmacht, ist in jedem Ökosystem verschieden, und die Konzepte sind nicht von einem ins andere Ökosystem übertragbar. Manche Arten sind sogar in einem Ökosystem Schlüsselart und in einem anderen nicht.

Besonderheit Cultural Keystone Species: Genau wie für Ökosysteme gibt es auch für uns Menschen besondere Arten, die in unserer Gesellschaft eine besonders wichtige kaum ersetzbare Funktion haben. Ein Beispiel ist die Maniok-Pflanze (Manihot esculenta), die bei den Kichwa aus Sarayaku sowohl gegessen als auch zu Chicha verarbeitet wird. Chicha hat eine vielfältige und wichtige kulturelle und religiöse Bedeutung.

Faszinierende Beziehungen

Es gibt viele spannende Beispiele für Arten, die im Tropenwald aufeinander angewiesen sind:

  • Der wahrscheinlich ungewöhnlichste und auch größte Bestäuber lebt auf Madagaskar und bestäubt dort den Baum der Reisenden, den Wappenbaum Madagaskars. Der Schwarzweißer Vari ist ein etwa 120-150 cm großer Lemur, der als eine der wenigen Affenarten als Bestäuber bekannt ist.
  • Ein weiteres Beispiel ist die Helikonienart Heliconia tortuosa aus Mittelamerika, die fast ausschließlich von zwei Kolibriarten erfolgreich bestäubt wird. Obwohl bis zu 6 verschiedene Kolibriarten die Helikonie mit Pollen anfliegen, ist die Bestäubung in 80 Prozent der Fälle nur auf die beiden Kolibriarten Campylopterus hemileucurus und Phaethornis guy zurückzuführen.
  • Manche Pflanzenarten sind so stark spezialisiert, dass sie nur von einer einzigen Tierart bestäubt werden können. So ist zum Beispiel die Sternorchidee aus Madagaskar abhängig von einer einzigen Nachtfalterart, denn nur sie bestäubt die Orchidee.
  • In einem besonders spannenden Beispiel spielen eine Ameisenart, eine Baumart und Schildläuse die Hauptrollen: Die Ameisen-ArtAzteca pitteri hängt gleich von zwei weiteren Arten ab. Als Behausung dient ihr die in Mittel- und Südamerika beheimatete BaumartCordia alliodora, die Hohlräume in ihren Ästen bildet. Dort halten die Ameisen Schildläuse, deren Honigtau sie melken! Bei dieser interessanten Symbiose gibt es drei Gewinner: Die Schildläuse ernähren sich direkt vom Baum und der Honigtau der Läuse dient als Nahrung für die Ameisen. Im Gegenzug schützen diese den Baum vor Fressfeinden, wie Raupen oder Käfern.

Hat Vielfalt einen Preis?

Die heutige biologische Vielfalt hat sich im Laufe von Millionen von Jahren entwickelt und zu artenreichen und hochkomplexen Ökosystemen geführt. Intakte Ökosysteme sind eine notwendige Voraussetzung für unser Leben, denn sie leisten wichtige Funktionen, die wir ständig nutzen, ohne uns dieser bewusst zu sein: zum Beispiel den Schutz vor Hochwasser, die Reinigung unseres Wassers, die Absorbierung von CO2 oder das Verhindern von Erosion. Um den Wert dieser Ökosystemleistungen der Natur besser einschätzen zu können, gaben Deutschland und die EU-Kommission 2007 eine Studie zur „Ökonomie von Ökosystemen und biologischer Vielfalt“ in Auftrag. Die Ergebnisse dieser umfassenden Studie zeigen den wirtschaftlichen Nutzen, den uns eine intakte Natur und Biodiversität bringen. Demnach ist es vielfach teurer in der Zukunft die verursachten Schäden zu reparieren, als heute zu schützen und vorzubeugen. Die Schutzgebiete weltweit bieten Leistungen im Wert von 3 Billionen Euro pro Jahr, während der Erhalt dieser Gebiete nur etwa 30 Milliarden kosten würde. Leider ist es in den Tropen oft so, dass Flächen zu Schutzgebieten erklärt werden, jedoch fehlt es an finanziellen Mitteln, um sie vollständig zu erhalten. Viele Schutzgebiete bestehen daher nur auf dem Papier. OroVerde unterstützt daher Organisationen in den Regenwald-Ländern, Schutzgebiete zu betreuen und langfristig zu sichern.

Warum ist Vielfalt im Alltag wichtig für uns?

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor, für den es sich lohnt, die bunte Artenvielfalt zu erhalten und zu fördern. Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es auf der Erde aussehen würde, wenn es diese Vielfalt nicht gäbe? Das Zwitschern der Vögel, die bunte Farbenpracht der unterschiedlichen Pflanzen, die optimale Anpassung an die Vielfalt der Lebensräume durch unzählige Tierarten, die Fülle an malerischen Landschaften – auf all diese Sachen müssten wir verzichten, alles würde gleich aussehen. Dieses recht langweilige Bild, steht einer spannenden Abwechslung gegenüber, die wir tagtäglich für die unterschiedlichsten Aktivitäten und zur Entspannung nutzen. Sei es der Ausflug ins Grüne, der Spaziergang durch den Wald oder eine Reise ans Meer. Das große Spektrum an Arten und Lebensräumen ist etwas Besonderes, das viele Menschen als selbstverständlich ansehen und nicht missen wollen.

Damit die einmalige Artenvielfalt auch in den Tropenwäldern in der Zukunft erhalten bleibt, setzt sich OroVerde seit über 25 Jahren für deren Schutz ein. Neben der Projektarbeit zur Wiederaufforstung, der Einführung waldschonender Landwirtschaft und Verminderung der Armut der einheimischen Bevölkerung, treibt OroVerde die Einrichtung von Schutzgebieten in den Tropen voran und sichert so einzigartige Zentren der Biodiversität.

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Fotonachweis: Gelbe Schlange, Kapuzineraffe, Faultier, violette Blüte, orangefarbene Blüte (E. Mannigel), Parson Chameleon, Aras, Berggorilla, Kolibri, Kronentaube, Giraffenhalskäfer, Wasserfall, schwarzweißer Varis, Sternorchidee, pinke Blüten auf Waldboden (K. Wothe), Schmetterling, Wasserblüte, pinke Blüten mit organgefarbenen Staubblättern, Passionsblume, rote Blüte, Mädchen mit Setzling (OroVerde), Karte Vielfalt der Vögel (www.biodiversityMapping.org), Portät George Orwell (BBC/ Public Domain via Wikimedia), weiße Blüte, pinkt Blüte (Diana Rode)

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OroVerde - Die Tropenwaldstiftung
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