Jedes Lebewesen besitzt ein eigenes Erbgut und unterscheidet sich dadurch von anderen Individuen derselben Art. Diese genetische Vielfalt sorgt dafür, dass Pflanzen und Tiere sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen können, etwa an Hitze, Krankheiten oder neue Lebensräume.
Genetische Vielfalt geht weltweit verloren, zum Beispiel durch Lebensraumzerstörung, intensive Nutzung von Natur und den Klimawandel. Mit ihr geht auch die Fähigkeit verloren, sich an neue Umweltbedingungen anzupassen. Gerade in wilden Pflanzen und alten Sorten steckt genetische Vielfalt, die für unsere Ernährung entscheidend ist: Sie liefert Eigenschaften, die in der Züchtung genutzt werden, um Nutzpflanzen widerstandsfähig zu machen und Ernten auch in Zukunft zu sichern.
Was ist genetische Vielfalt?
Genetische Vielfalt erklärt, warum Lebewesen der gleichen Art sich voneinander unterscheiden. In jedem Lebewesen steckt ein innerer Bauplan. Dieser Bauplan heißt DNA (Abkürzung für englisch deoxyribonucleic acid). Die DNA besteht aus vielen kleinen Abschnitten, den Genen. Sie geben Anweisungen dafür, wie ein Lebewesen aussieht, wächst und mit seiner Umwelt umgeht. Gene können in verschiedenen Varianten vorkommen. Diese Varianten nennt man Allele. Die Allele entscheiden zum Beispiel darüber, ob jemand glatte oder lockige Haare hat, Sommersprossen bekommt oder welche Haarfarbe eine Person hat.
Auch wenn zwei Lebewesen zur gleichen Art gehören, ist ihre DNA nie exakt gleich. Diese Unterschiede nennt man genetische Vielfalt. Sie sorgt dafür, dass Vögel verschiedene Schnabelformen haben, Obst und Gemüse unterschiedlich schmeckt oder Menschen verschiedene Haarfarben besitzen: Alle Tomaten gehören beispielsweise zur gleichen Art, trotzdem gibt es sie in sehr unterschiedlichen Formen, Größen und Geschmacksrichtungen – von großen, fleischigen Tomaten bis zu kleinen Kirschtomaten.
Warum ist genetische Vielfalt wichtig?
Wenn es innerhalb einer Art viele Unterschiede in der DNA gibt, spricht man von hoher genetischer Vielfalt. Diese Unterschiede führen dazu, dass Lebewesen verschieden aussehen und sich in wichtigen Eigenschaften unterscheiden. Manche sind besser an Hitze angepasst, andere kommen besser mit Kälte, Krankheiten oder Umweltverschmutzung zurecht. Diese Fähigkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen, nennt man Anpassung.
Anpassung an Umweltveränderungen
Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Birkenspanner (Biston betularia), eine Mottenart, die sich aufgrund genetischer Vielfalt während der Industriellen Revolution an ihre sich verändernde Umgebung anpassen konnte. Diese Motten gibt es in hellen und dunklen Varianten. Vor der Industriellen Revolution waren die Baumstämme hell, und helle Motten waren gut getarnt. Durch starke Luftverschmutzung wurden die Baumstämme dunkel. Plötzlich waren dunkle Motten besser versteckt, während helle Motten leichter von Vögeln entdeckt wurden. Die dunklen Motten überlebten häufiger und bekamen mehr Nachwuchs. Da ihre Färbung vererbt wurde, nahm ihr Anteil zu.
Basis für Pflanzen- und Tierzucht
Genetische Vielfalt ist auch für unsere Ernährung wichtig. Seit Beginn der Landwirtschaft nutzt der Mensch diese Vielfalt, um Tiere und Pflanzen auszuwählen, die besonders gefragte Eigenschaften haben. So wurden zum Beispiel Pflanzen ausgewählt und vermehrt, mit besserem Geschmack, längerer Haltbarkeit oder leichterer Lagerung und Transport. Gleichzeitig sind dies Variationen die Grundlage für die moderne Pflanzenzüchtung, damit Nutzpflanzen an Klimawandel, Hitze, Trockenheit oder Krankheiten angepasst werden können. Ohne diese Vielfalt wären Ernten und damit die Ernährungssicherheit deutlich stärker gefährdet.
Wie entsteht genetische Vielfalt?
Genetische Vielfalt bleibt nicht gleich, sondern verändert sich mit der Zeit. Dafür gibt es mehrere Prozesse, die in allen Pflanzen- und Tierarten wirken. Die wichtigsten sind Mutation, Selektion, genetische Drift und Migration. Sie bestimmen, welche Allele (Genvarianten) häufiger werden, welche verschwinden und wie sich Pflanzen und Tiere über Generationen hinweg verändern – sowohl durch natürliche Prozesse als auch durch den Einfluss des Menschen.
Manchmal passieren beim Kopieren der DNA kleine Fehler. Diese Veränderungen nennt man Mutationen. Man kann sie sich wie Tippfehler vorstellen, die entstehen, wenn ein Text abgeschrieben wird. Eine Mutation kann nur einen der DNA-Buchstaben betreffen, mehrere Buchstabenfolgen oder ganze Genabschnitte oder sogar das komplette Genom. Solche Veränderungen passieren zufällig und kommen bei allen Lebewesen vor. Über viele Generationen sammeln sich diese Veränderungen an und sorgen für genetische Vielfalt.
Die meisten Mutationen haben keine Wirkung oder sind nachteilig. Manche führen aber zu Eigenschaften, die für ein Lebewesen hilfreich sind. Zusammen mit Selektion und genetischer Drift sind Mutationen eine wichtige Ursache dafür, dass sich die Häufigkeit von Genen in einer Population verändert.
Selektion bedeutet, dass sich bestimmte Eigenschaften häufiger durchsetzen als andere. In der Natur geschieht das zum Beispiel, weil manche Pflanzen besser mit Trockenheit, Kälte oder Krankheiten zurechtkommen. Diese Pflanzen überleben häufiger und geben ihre Gene weiter. Bei der natürlichen Selektion setzen sich Pflanzen und Tiere mit Eigenschaften durch, die ihnen beim Überleben helfen – zum Beispiel bessere Anpassung an Trockenheit oder Krankheiten.
Selektion kann aber auch durch den Menschen beeinflusst werden. In der Landwirtschaft wählen Menschen gezielt Pflanzen mit Eigenschaften aus, die ihnen nützlich erscheinen, etwa hohe Erträge, guten Geschmack oder eine leichte Ernte. In beiden Fällen gilt: Ausgewählt werden immer vorhandene Eigenschaften. Selektion funktioniert nur, wenn es genetische Vielfalt gibt, aus der ausgewählt werden kann. Fehlt diese Vielfalt, stößt Selektion schnell an ihre Grenzen.
Migration beschreibt den Austausch von genetischem Material zwischen verschiedenen Populationen derselben Art. Sie passiert, wenn Pollen oder Samen von einem Ort zum anderen gelangen – zum Beispiel durch Wind, Tiere oder den Menschen. Auch das gezielte Weitergeben von Pflanzmaterial wie Stecklingen oder Knollen trägt dazu bei. So kommen neue Gene in eine Population, während andere weitergegeben werden. Wachsen auf zwei benachbarten Äckern unterschiedliche Sorten derselben Pflanzenart, kann Pollen von einem Feld auf das andere gelangen. Dadurch werden Gene zwischen den Beständen ausgetauscht. Wie stark dieser Effekt ist, hängt davon ab, wie häufig sich Pflanzen fortpflanzen und wie weit Pollen und Samen verbreitet werden.
Genetische Drift beschreibt den zufälligen Verlust oder die Veränderung genetischer Vielfalt innerhalb einer Population. Sie entsteht, weil bei jeder Fortpflanzung nicht alle Gene gleich häufig an die Nachkommen weitergegeben werden. Welche Genvarianten in die nächste Generation gelangen, hängt oft vom Zufall ab. Bei Pflanzen zum Beispiel trägt jedes Pollenkorn eine andere Kombination von Genen. Welches Pollenkorn zum Beispiel durch Wind, Insekten oder Menschen eine weibliche Blüte befruchten kann, ist rein zufällig. Dadurch ändern sich die Häufigkeiten bestimmter Gene von Generation zu Generation.
Eine Population ist eine Gruppe von Individuen derselben Art, die in einem bestimmten Gebiet leben und sich untereinander fortpflanzen können. Dadurch mischt sich ihr Erbgut ständig durch Geneaustausch. Im Kontext genetischer Vielfalt ist sie die Basis für Evolution durch Prozesse wie Drift oder Selektion.
Wie geht genetische Vielfalt verloren?
Genetische Vielfalt kann mit der Zeit immer weniger werden. Das passiert nicht nur, wenn Arten komplett aussterben. Auch innerhalb einer Art können wichtige Unterschiede in der DNA verloren gehen. Eine große internationale Studie mit Daten von 628 Arten, darunter Tiere, Pflanzen, Pilze und andere Gruppen, zeigt, dass Bedrohungen wie Lebensraumverlust, Krankheiten, Wetterextreme und menschliche Nutzung zwei Drittel aller untersuchten Populationen beeinflussen.
Wenn ein Lebensraum kleiner wird oder in viele kleine Teile geteilt wird, dann leben dort nur noch wenige Tiere oder Pflanzen. Kleine Gruppen von Lebewesen haben weniger Mitglieder, die sich paaren und ihre Gene weitergeben. Dadurch gibt es weniger unterschiedliche Gene in der Population, also eine niedrige genetische Vielfalt. Das macht es schwerer für Arten, sich an Veränderungen anzupassen.
Inzucht als Gefahr
In kleinen, isolierten Populationen oft Inzucht stattfindet. Inzucht passiert, wenn Tiere oder Pflanzen sich mit nahen Verwandten paaren, weil sonst keine anderen Partner da sind. Inzucht führt dazu, dass gleiche Gene von beiden Elternteilen weitergegeben werden. Das reduziert die genetische Vielfalt und Allele, die einen negativen Effekt haben, können sich ausbreiten, was die Gesundheit der Nachkommen schwächt. Ein bekanntes Beispiel ist der Florida-Panther (Puma concolor coryi), eine Unterart des in weiten Teilen Nord- und Südamerikas verbreiteten Pumas. Diese Großkatze war durch niedrige genetische Vielfalt stark gefährdet, weil nur wenige Tiere übrig waren und sie untereinander verwandt waren. Wissenschaftler*innen brachten einige Pumas einer anderen Unterart aus Texas mit größerer genetischer Vielfalt in die Population ein. Dadurch entstanden wieder gesunde Jungtiere.
Der zufällige Verlust genetischer Vielfalt: Der Flaschenhalseffekt und Gründereffekt
Manchmal geht genetische Vielfalt verloren, ohne dass Anpassung oder Auswahl eine Rolle spielen. Ursache sind zufällige Ereignisse, die Populationen stark verkleinern. Zwei wichtige Beispiele dafür sind der Flaschenhals-Effekt und der Gründereffekt.
Der Flaschenhals-Effekt beschreibt eine Situation, in der eine Population plötzlich sehr stark schrumpft. Das kann durch äußere Einflüsse passieren, zum Beispiel durch extreme Wetterereignisse, starke Temperaturschwankungen, Nahrungsmangel oder andere Umweltveränderungen. In kurzer Zeit überlebt dann nur noch ein kleiner Teil der ursprünglichen Population. Dieser starke Rückgang hat große Folgen für die genetische Vielfalt. Die wenigen überlebenden Individuen tragen nur einen Teil der ursprünglichen Gene in sich. Viele genetische Varianten gehen dabei verloren – rein zufällig. Auch wenn sich die Population später wieder vergrößert, bleibt die genetische Vielfalt oft dauerhaft geringer. Der Flaschenhals-Effekt macht Populationen deshalb anfälliger für Krankheiten und Umweltveränderungen, weil ihnen wichtige genetische Eigenschaften fehlen können.
Der Gründereffekt entsteht, wenn eine neue Population von nur wenigen Tieren oder Pflanzen ausgeht. Das kann passieren, wenn nur wenige Individuen ein neues Gebiet besiedeln oder wenn nach einem starken Rückgang nur noch wenige übrig bleiben. Dadurch ist die neue Population viel kleiner als die Ursprüngliche. Weil nur wenige Tiere oder Pflanzen beteiligt sind, tragen sie auch nur einen Teil der ursprünglichen Gene in sich. Die neue Population startet also mit weniger genetischer Vielfalt. Eigenschaften, die diese wenigen „Gründer“ zufällig haben, kommen dann besonders häufig vor, während andere ganz fehlen. Das kann dazu führen, dass die Population weniger anpassungsfähig ist.
Warum Naturschutz wichtig ist für den Erhalt genetischer Vielfalt
Wenn Lebensräume durch Straßen, Städte oder intensive Landwirtschaft zerschnitten werden, werden Tiere und Pflanzen voneinander getrennt. Die einzelnen Gruppen werden kleiner und leben isoliert. Sie können sich nur noch mit wenigen Partnern fortpflanzen. Dadurch gehen Genvarianten verloren, und die genetische Vielfalt nimmt ab. Kleine, isolierte Bestände sind anfälliger für Krankheiten, Umweltveränderungen oder extreme Wetterereignisse.
Naturschutzgebiete helfen, Lebensräume zu erhalten. Genauso wichtig sind Verbindungen zwischen ihnen, zum Beispiel Grünbrücken über Autobahnen oder breite Waldstreifen zwischen Feldern. Solche Korridore ermöglichen es Tieren und Pflanzen, sich auszubreiten und sich mit anderen Gruppen zu mischen. Dieser Austausch von Genen stärkt die genetische Vielfalt und damit die Widerstandsfähigkeit ganzer Arten.
Warum genetische Vielfalt in der Landwirtschaft so wichtig ist
Die Landwirtschaft steht heute unter großem Druck. Der Klimawandel verändert das Wetter viel schneller, als Pflanzen und Tiere sich anpassen können. Hitze, lange Trockenperioden, neue Schädlinge oder Krankheiten belasten die Felder weltweit. Dazu kommt, dass sich Regenzeiten verschieben oder es in wichtigen Wachstumsphasen zu warm wird. Wenn Pflanzen zum Beispiel im Frühling durch höhere Temperaturen früher wachsen, brauchen sie später im Sommer mehr Wasser, das dann oft fehlt. All das macht es schwerer, genug Lebensmittel für alle zu erzeugen.
Hier spielt genetische Vielfalt eine entscheidende Rolle. Manche Pflanzen derselben Art kommen besser mit Trockenheit klar, andere wachsen auch bei großer Hitze, wieder andere können sich gegen bestimmte Schädlinge wehren. Viele dieser wertvollen Eigenschaften findet man nicht in den modernen Hochleistungssorten, sondern oft in alten Sorten oder wilden Verwandten derselben Art. Diese Pflanzen wachsen nicht auf unseren Feldern, tragen aber Gene in sich, die heute sehr nützlich sind und in Zukunft immer mehr gebraucht werden.
Der Verlust von Vielfalt in modernen Nutzpflanzen
Seit Beginn der Landwirtschaft vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren beeinflussen Menschen ihre Nutzpflanzen durch gezielte Selektion. Über viele Generationen hinweg wählten sie gezielt Pflanzen aus, die besonders gut wuchsen oder bestimmte Vorteile hatten. Für die Landwirtschaft waren vor allem Pflanzen wichtig, die große Früchte, ein gleichmäßiges Wachstum oder Eigenschaften hatten, die Ernte und Transport erleichtern.
Dieser gezielte Auswahlprozess heißt Züchtung. Dabei werden Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften weitervermehrt, während andere immer seltener angebaut werden. So entstanden die heutigen Nutzpflanzen, die hohe Erträge liefern und sich gut bewirtschaften lassen.
Der heutige Mais stammt von einer wilden Vorläuferpflanze ab, die ganz anders aussah. Diese Wildpflanze hatte viele Verzweigungen und kleine Körner. Durch lange Züchtung entstand der moderne Mais mit wenigen Trieben, großen Kolben und vielen Körnern. Das macht den Anbau effizient und die Ernten planbar. Gleichzeitig hat diese Entwicklung einen Nachteil: Wenn über lange Zeit immer nur bestimmte Merkmale gefördert werden, gehen andere Eigenschaften verloren. Die genetische Vielfalt innerhalb der Nutzpflanze nimmt ab.
Blumenkohl, Brokkoli, Rosenkohl, Grünkohl und Kohlrabi gehören alle zur gleichen Art (Brassica oleracea). Menschen haben sie nur auf unterschiedliche Merkmale gezüchtet – etwa auf große Blätter, einen verdickten Stängel oder feste Knospen.
Ganz schön wild: Wie Wildpflanzen genetische Vielfalt retten
Schaut man sich die wilden Vorfahren vieler unserer heutigen Nutzpflanzen an, erkennt man große Unterschiede: Sie sind oft kleiner, wachsen anders und tragen kleinere Früchte. Wilde Pflanzen mussten sich über lange Zeit ohne Dünger und Pflanzenschutz an ihre Umwelt anpassen. In ihren Genen finden sich daher Eigenschaften, die moderne Nutzpflanzen oft verloren haben, zum Beispiel eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit, Hitze oder Krankheiten.
Die Züchtung kann von dieser genetischen Vielfalt profitieren. Wenn Züchterinnen und Züchter auf die Gene wilder Vorfahren und alter Sorten zurückgreifen können, stehen ihnen viele unterschiedliche Eigenschaften zur Verfügung. Diese genetische Vielfalt liefert die Grundlage, um Nutzpflanzen an neue Umwelt- und Klimabedingungen anzupassen. Als beispielsweise ein Viruskrankheit, das Grassy-Stunt-Virus, viele angebaute Reissorten bedrohte, fand man die nötige Resistenz in einer wilden Reisart, die von Natur aus gegen das Virus geschützt war. Durch gezielte Kreuzung wurden diese Gene auf Kultivreis übertragen. So konnten resistente Reissorten gezüchtet werden.
Mehr Vielfalt, mehr Nährstoffe, bessere Lebensmittel
Vielfältige genetische Ressourcen spielen eine große Rolle für die Qualität unserer Nahrung. Innerhalb einer einzigen Pflanzenart können sich Sorten stark unterscheiden: Manche enthalten mehr Vitamine oder wichtige Mineralstoffe, andere sind leichter verdaulich oder besser haltbar. Diese Unterschiede liegen in ihren Genen.
Die Züchtung nutzt diese Unterschiede gezielt. Forschende suchen in alten Sorten oder wilden Verwandten nach Genen, die den Nährstoffgehalt erhöhen können. Beispielsweise für mehr Vitamin A, Eisen oder Eiweiß. Auch Stoffe, die für manche Menschen unverträglich sind, lassen sich durch Züchtung reduzieren. Ein bekanntes Beispiel sind Solanine in Kartoffeln. Solanine sind natürliche Abwehrstoffe, die die Pflanze vor Schädlingen schützen. In zu hohen Mengen können sie aber für Menschen unangenehm oder sogar giftig sein. Durch genetische Vielfalt kann die Züchtung Sorten entwickeln, die von Natur aus weniger Solanin enthalten und damit sicherer und verträglicher sind.
Genetische Vielfalt hilft außerdem, die Lagerfähigkeit von Lebensmitteln zu verbessern. Manche Varianten einer Pflanzenart verderben langsamer oder bleiben beim Lagern länger fest und aromatisch. Solche Eigenschaften können über die Züchtung in moderne Sorten eingebracht werden.
Warum genetische Vielfalt erhalten werden muss
Genetische Vielfalt zu erhalten hat sowohl ökologische als auch ökonomische Gründe. Zwar ist Aussterben ein natürlicher Prozess, doch durch menschliche Nutzung von Ressourcen, Lebensraumverlust und Klimawandel hat sich das Tempo, in welchem Arten verschwinden, stark erhöht. Dabei geht nicht nur Artenvielfalt verloren, sondern auch genetische Vielfalt innerhalb einer Art. Mit jedem Verlust verschwinden Eigenschaften, die für das Funktionieren von Ökosystemen wichtig sind oder künftig für den Menschen nützlich sein könnten – etwa für Ernährung, Medizin oder neue Nutzungen.
Schon kleine Verluste genetischer Vielfalt können große Folgen haben. Wenn Gene oder Genvarianten verschwinden, werden Populationen weniger widerstandsfähig und können sich schlechter an neue Umweltbedingungen anpassen. Neue genetische Vielfalt entsteht nur sehr langsam, vor allem durch zufällige Mutationen, also kleine Veränderungen im Erbgut. Diese Prozesse dauern viele Generationen. Geht genetische Vielfalt einmal verloren, lässt sie sich deshalb kaum wieder aufbauen – umso wichtiger ist es, sie frühzeitig zu schützen und weitere Verluste zu vermeiden. Fachleute gehen davon aus, dass eine Population mindestens etwa 500 fortpflanzungsfähige Individuen braucht, um ihre genetische Vielfalt langfristig zu erhalten. Wird diese Grenze unterschritten, sinkt die Anpassungsfähigkeit deutlich.
Drei Wege, wie genetische Vielfalt geschützt wird
Naturschutzgebiete sind der wirksamste Weg, um genetische Vielfalt zu erhalten. Dort bleiben Pflanzen und Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum. Sie können sich weiterentwickeln, sich an Veränderungen anpassen und ihre genetische Vielfalt selbst erhalten. Gleichzeitig werden ganze Ökosysteme geschützt, nicht nur einzelne Arten. Das macht Naturschutzgebiete besonders effektiv und langfristig stabil.
Zoologische und botanische Gärten erhalten Pflanzen und Tiere außerhalb ihres natürlichen Lebensraums. Sie spielen vor allem dann eine wichtige Rolle, wenn Arten in der Natur stark bedroht sind oder dort zeitweise nicht überleben können. In diesen Einrichtungen lassen sich Arten gezielt vermehren, erforschen und vor dem vollständigen Aussterben bewahren.
Dieser Ansatz ersetzt den Schutz natürlicher Lebensräume nicht, ist aber eine wichtige Ergänzung. Gärten dienen als Sicherungsorte, von denen aus Arten wieder in geeignete Lebensräume zurückgebracht werden können. Ein bekanntes Beispiel ist die Arabische Oryx-Antilope: Sie war in der Wildnis ausgestorben, konnte aber durch Zucht in Zoos erhalten und später erfolgreich wieder ausgewildert werden.
Genbanken sind zentrale Einrichtungen, die etwas sicher aufbewahren, das man bei Bedarf wieder entnehmen kann, quasi wie eine Bank. Nur lagern sie dort kein Geld, sondern Samen und anderes Pflanzenmaterial, um die genetische Vielfalt von Pflanzen zu erhalten. Weltweit sind über 5,8 Millionen Pflanzenproben in Genbanken gesichert. Diese Ressourcen werden für künftige Nutzungen in Forschung, Züchtung und Ausbildung für Ernährung und Landwirtschaft für alle Interessierten bereitgehalten.
Viele Genbanken sind auf bestimmte Kulturpflanzen oder Sammlungen spezialisiert, zum Beispiel auf Getreide, Hülsenfrüchte oder tropische Nutzpflanzen. Auch Forschungsinstitute, die sich mit einzelnen Nutzpflanzen beschäftigen, übernehmen diese Aufgabe. Im Unterschied dazu bewahren botanische Gärten vor allem Pflanzenarten, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden, etwa Wildpflanzen oder Zierpflanzen.
Eine Herausforderung bleibt jedoch bestehen: Für einige wichtige Nutzpflanzen wie Weizen oder Reis gibt es bereits sehr viele genetische Daten und Sammlungen. Viele andere Nutzpflanzen sind dagegen kaum erforscht. Besonders lokale oder weniger bekannte Pflanzen, zum Beispiel regionale Knollen, Gewürz-, Futter- oder Zierpflanzen, sind in Genbanken oft schlecht vertreten. Gerade sie könnten aber wichtige Eigenschaften für die Zukunft liefern.
Wie kann genetische Vielfalt geschützt werden
Genetische Vielfalt zu schützen ist eine globale Aufgabe. Viele der artenreichsten Regionen liegen in tropischen Ländern, die seit Jahrhunderten zur Bewahrung biologischer Vielfalt beitragen und über umfangreiches lokales Wissen verfügen. Koloniale Ausbeutung, globale Handelsstrukturen und ressourcenintensive Wirtschaftsweisen des Globalen Nordens haben maßgeblich dazu beigetragen, dass genetische Vielfalt weltweit unter Druck geraten ist.
Wohlhabende Länder tragen daher eine besondere Verantwortung, den Schutz genetischer Vielfalt finanziell und strukturell zu unterstützen. Die Zusammenarbeit mit den betroffenen Regionen und auf Grundlage ihres lokalen Wissens, ihrer Prioritäten und kulturellen Kontexte ist dabei besonders wichtig.
Allerdings reicht es nicht aus, einzelne Arten in Schutzgebieten, Gärten oder Genbanken zu bewahren. Entscheidend ist, dass sich Landnutzungspraktiken verändern. Pflanzen und Tiere können genetische Vielfalt am besten selbst erhalten, wenn ihre Lebensräume bestehen bleiben. Naturschutzgebiete schützen genetische Vielfalt besonders gut. Damit dieser Schutz wirkt, müssen sie miteinander vernetzt sein, denn nur so können sich Tiere zwischen den Gebieten bewegen und ihre Gene weitergeben.
Wichtig ist zudem, in vom Menschen genutzten Landschaften schonender mit der Natur umzugehen, etwa durch weniger zerstörende Technologien und eine nachhaltigere Nutzung von Böden, Wäldern und Gewässern. So kann genetische Vielfalt auch außerhalb reiner Schutzgebiete erhalten bleiben.
Tiefer einsteigen ins Thema Vielfalt
Biodiversitätsverlust: Ist Vielfalt noch zu retten?
Der Biodiversitätsverlust gilt unter Wissenschaftler*innen als eine globale Krise, die den Klimakollaps sogar übertreffen könnte. Der Verlust von Biodiversität umfasst beschleunigtes Aussterben, den Schwund genetischer Vielfalt und die Beeinträchtigung von Ökosystemfunktionen.
Vielfalt im Regenwald
So viel Leben wie im Regenwald gibt es kaum irgendwo sonst auf der Welt. Warum das so ist und was diese Vielfalt besonders macht, erfährst du hier.
Artensterben: Droht das sechste große Massensterben?
Lebensraumzerstörung durch den Menschen und der Klimawandel stellen eine immer größere Gefahr für viele Arten dar. Reichen weltweite Bemühungen, um das sechste Massensterben noch zu verhindern?
Sie haben Fragen? Wir helfen Ihnen gerne weiter!

OroVerde - Die Tropenwaldstiftung
+49 228 24290-0
info[at]oroverde[dot]de
Fotonachweis: Plantes Volumes - Unsplash Plus (Titelbild), pexels (Tomatenvielfalt), Zdenek Machacek- Unsplash Plus (Birkenspanner), Getty Images - Unsplash Plus (Florida-Panther) OroVerde - A. Wolf (Infografik “Genetische Vielfalt auf dem Teller”)
Hier geht es zu den vollständigen Quellen der Seite.
