Den Regenwald retten. Indigene schützen. Die Ziele des Amazonas-Gipfel in Brasilien sind klar. Doch die Gier nach Rohstoffen ist größer. Warum das Folgen für uns alle hat.
Süß und salzig – an der Mündung des Amazonas trifft der wasserreichste Fluss der Welt auf den Atlantik. Tausende Kilometer fließt der Strom, an Baumriesen und dichtem Dschungel vorbei, bis in die Fluten des Ozeans. Ein Stück weiter im Südwesten liegt die brasilianische Metropole Belém.
Das Tor zum Amazonas wird die Stadt genannt. Dort tagen gerade die Staatschefs der Amazonas-Länder. Sie alle leben von dem Gewässer mit seinen unzähligen Seitenarmen und dem Regenwald, der sie umgibt – und von seinen Rohstoffen. Das Ökosystem mit Abermillionen Pflanzen und Tieren hat keinen Vergleich. Beim Amazonasgipfel soll es um sein Schicksal gehen. Denn der Amazonas und seine Bewohner sind bedroht - und mit ihm auch wir.
„Wenn die Länder Europas, die USA, aber auch China, der größte Emittent der Welt, den Ausstoß fossiler Brennstoffe nicht zurückfahren, wird der Amazonas gleichermaßen zerstört. Dass wir nicht an einen Kipp-Punkt kommen, ist nicht nur Verantwortung unserer Länder. Unsere ist es, mit einem guten Beispiel voranzugehen.“ Das sagt Brasiliens Umweltministerin Marina Silva laut Tagesschau. Aber gibt es diese Übereinkunft zwischen den Amazonas-Ländern überhaupt?
Enttäuschung in Belém
Seit Ende der Siebzigerjahre gibt es ein Abkommen zwischen Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Peru, Surinam und Venezuela. Doch der Schutz des Flusses, des Waldes und der Menschen steht noch nicht lange auf der Agenda der Amazonas-Länder. Zwar hat Brasilien gerade verkündet, dass die Entwaldung im brasilianischen Amazonas stark abgenommen hat. Im ersten Halbjahr 2023 um 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch bei all den positiven Meldungen gibt es auch Probleme.
„Die Daten zeigen, welchen Unterschied es macht, wenn eine Regierung die Gesetze konsequent umsetzt. Das begrüßen wir sehr“, sagt Martina Schaub, Vorständin von OroVerde. „Aber dafür gab es im brasilianischen Cerrado, einer einzigartigen biodiversitätsreichen Feuchtsavanne, eine Zunahme der Entwaldung um mehr als 20 Prozent im ersten Halbjahr. Das zeigt, dass der Erfolg Brasiliens im Amazonas nicht gleich Erfolg im Kampf gegen die Entwaldung insgesamt ist.
Zumindest den Stopp der Entwaldung im Amazonas bis 2030 hatte Brasiliens Präsident Lula versprochen. Doch er selbst ist erstmal bis 2026 gewählt. Was nach ihm kommt, weiß niemand. Wissenschaftler*innen legen nahe, dass der Kipp-Punkt bei einer Entwaldung von 25 bis 30 Prozent des Amazonas beinahe erreicht ist – und kurz bevorsteht. Und Lula regiert nicht allein.
Zähes Ringen ums Öl
Das Abschlussdokument wurde von Brasilien nun schon vor dem Ende des Gipfels veröffentlicht. Doch viele der Forderungen der indigenen Bevölkerung und NGOs blieben unerhört. In dem Protokoll findet sich kein verbindlicher Stopp der Entwaldung aller acht Länder. Es gibt keine Absage an die Förderung von Erdöl – unter anderem auf Drängen der brasilianischen Regierung. Dabei wird mehrfach im Dokument betont, dass der Amazonas Kipp-Punkt nicht erreicht werden darf – etwas, was mit der Förderung fossiler Brennstoffe und einem offenen Entwaldungsstopp nicht in Einklang steht.
In Brasilien wird der Kongress stark vom Agrarsektor dominiert. Und auch die Interessen der Erdöl-Lobby fallen schwer ins Gewicht. „Lula bekommt bei seinen Umweltschutzvorhaben starken Gegenwind“, sagt Martina Schaub.
„Die brasilianische Zivilgesellschaft hatte sich im Vorfeld des Gipfels klar gegen die Ölförderung am Amazonas positioniert und für ein länderübergreifendes Ziel zum Entwaldungsstopp. Im Abschlussdokument des Amazonasgipfels wird darauf aber nicht eingegangen, denn die Option möchte man sich noch offenhalten.“
Unten am Fluss
Während Staatschefs und Minister*innen um Formulierungen ringen, bleibt eine Gruppe außen vor: Indigene Menschen aus Siedlungen wie Sarayaku in Ecuador. Vor dem Gipfel hatten sie schon im Rahmen der Amazonas-Dialoge Forderungen aufgestellt. Hier war die Zivilgesellschaft eine wichtige Stimme - die aber dann auch in den Abschlussverhandlungen und den daraus resultierenden Vereinbarungen offenbar nicht gehört wurde.
„Generell gibt es Länder und Regionen, in denen die Kommunikation zwischen Zivilgesellschaft und Regierenden nicht so gut funktioniert“, sagt Martina Schaub. Auch aus den Projektregionen von OroVerde kommen Forderungen nach einem Mitspracherecht der indigenen Menschen – doch ein konstruktiver Austausch mit den Regierungen ist nicht immer gegeben.
„Aus den Verhandlungen zum EU-Mercosur-Abkommen wissen wir, dass die Zivilgesellschaft, die indigenen und traditionellen Völker, nicht eingebunden wurden“, sagt Schaub. Ein Muster, das sich offenbar auch beim Amazonas-Gipfel wiederholt hat. „Das ist ein fatales Signal“, sagt Schaub. „Denn die Völker des Amazonas sind diejenigen, die unter den Folgen des Raubbaus an ihrem Zuhause am meisten leiden.“
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Fotonachweis: ©Philipp Hampex Instagram: Philippis_world (Hero), OroVerde (Indigene), ©https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L1010748-L1010765_copie_(cropped).jpg#/media/File:L1010748-L1010765_copie_(cropped).jpg (Belém) , ©Katharina Mouratidi, www.mouratidi.de (Ölfbohrung), Özi's Comix Studio (Flussfahrt)
