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Klimaneutrale Produkte sind beliebt. Ein Grund dafür ist, dass Labels wie „klimaneutral“ die Kaufbereitschaft von Verbraucher*innen positiv beeinflussen. Deshalb steigt auch die Nachfrage von Unternehmen nach Kompensationsmöglichkeiten, besonders von Waldprojekten. Schätzungen aus dem Jahr 2022 zufolge umfasst der freiwillige Kohlenstoffmarkt insgesamt rund 1,3 Milliarden US-Dollar. Trotz großer Schwankungen ist die Tendenz weiterhin steigend.

Der freiwillige Kohlenstoffmarkt scheint zu funktionieren und es entsteht der Eindruck, hier wurde ein guter Hebel für den Privatsektor gefunden, um den Klimaschutz zu fördern. Allerdings bringt der Markt einige Herausforderungen mit sich. Gutschriften werden nicht nur für Waldschutz- und Aufforstungsprogramme angeboten. Sie können auch ausgegeben werden für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, der nachhaltigen Landwirtschaft oder durch die Umstellung auf brennstoffsparende Öfen.

Angesichts des großen Angebots an Kompensationsmöglichkeiten ist es oft schwierig, den Überblick zu behalten und qualitativ hochwertige Kohlenstoffgutschriften zu identifizieren. Häufig sind die Informationen zu den konkreten Maßnahmen schwer zugänglich oder unverständlich aufbereitet. Besonders bei Waldprojekten fehlen oft transparente Aussagen über mögliche Risiken.

Auf dieser Seite bieten wir Ihnen einen umfassenden Überblick, worauf Sie bei Waldprojekten achten können und zeigen, wie durch den freiwilligen Kohlenstoffmarkt Klimaschutz gefördert werden kann.

Herausforderungen und ihre innovativen Lösungsstrategien für den freiwilligen Kohlenstoffmarkt

Die genaue Quantifizierung und Verifizierung von Treibhausgasemissionen und Kohlenstoffbindungen durch Waldprojekte sind komplex und erfordern spezialisierte Fachkenntnisse. Für Berechnungen müssen viele Variablen und Risiken berücksichtigt werden. Wälder sind Ökosysteme, die durch das Klima, die Qualität des Bodens, Schädlingsbefall, extreme Wetterereignisse oder menschliche Eingriffe beeinflusst werden.

Ein grundlegender Wert bei der Berechnung der vermiedenen Treibhausgasemissonen ist die sogenannte Baseline. Dieser Referenzwert gibt Aufschluss über die Höhe der Emissionen, die ohne das Projekt stattgefunden hätten. Die Differenz zwischen diesen beiden Werten ist die Grundlage für die Ermittlung der Minderungsleistung des Projektes.

Damit kommt dem Referenzwert bei der Berechnung der Effektivität eines Projektes und der Bestimmung, wie viele CO2-Zertifikate durch das Projekt verkauft werden können, eine wichtige Bedeutung zu. Es gibt zwar wissenschaftliche Berechnungsmethoden, welche die Kompensationsstandards zur Verfügung stellen. Allerdings unterscheiden sich die Berechnungsmethoden der verschiedenen Standards untereinander und weisen verschiedene Schwächen und Regelungslücken auf. Dies führt zu Inkonsistenzen beziehungsweise Überschätzungen bei Berechnungen der vermiedenen Emissionen und Kritik am freiwilligen Kohlenstoffmarkt

Daher ist es wichtig, dass klare und transparente Standards für die Festlegung von Baselines entwickelt und Regelungslücken geschlossen werden. Zudem könnte eine unabhängige Überwachung und Überprüfung der Klimaschutzwirkung helfen, die tatsächliche Emissionsminderung zu erfassen.

Wälder sind unvorhersehbaren Ereignissen wie Bränden, Stürmen oder Schädlingsbefall sowie dem Eingriff des Menschen ausgesetzt. Daher ist regelmäßiges und qualitativ hochwertiges Monitoring für die Wirksamkeit von Waldprojekten essenziell. Dies sollte für eine möglichst lange Zeit gewährleistet sein, um die Dauerhaftigkeit der Kohlenstoffbindung beziehungsweise Minderung zu überprüfen.

Viele Projekte haben eine bestimmte Projektlaufzeit garantiert, diese kann zwischen 20 und 100 Jahren liegen, meist sind es 30 Jahre. Eine Herausforderung ist es, die langfristige Kohlenstoffbindung, die sogenannte Permanenz, im lebenden System Wald sicherzustellen. Um eine Klimaschutzwirkung zu garantieren, darf auch über das Ende der Projektlaufzeit hinaus der Kohlenstoff nicht wieder als CO2 in die Atmosphäre gelangen.

Die Risiken von einem Brand, Schädlingsbefall, oder ungeklärten Besitzverhältnissen können nie ganz ausgeschlossen werden, aber eine Risikominimierung sollte stets angestrebt werden. Ein möglicher Vorschlag ist die Einrichtung von Pufferkontos, auf denen ein festgelegter Teil der Zertifikate gelagert wird. Bei einem Schadensfall werden Zertifikate aus dem Puffer genommen und gelöscht.  

Sollte nach Ende der Projektlaufzeit die Waldfläche wieder gerodet werden, ist die langfristige Bindung des Kohlenstoffs nicht unbedingt gegeben. Es sollte sichergestellt werden, dass das gebundene CO2 im geernteten Holz langfristig dem Holzproduktspeicher zukommt. Jedoch sind auch Emissionen, die durch das Roden verursacht werden, bspw. durch Ausgasungen des Bodens, zu berücksichtigen. Außerdem bedarf es regelmäßigem und vor allem auch langfristigem Monitoring. Eine Verknüpfung mit der Dauer der Validität der Zertifikate kann hier Abhilfe schaffen: Wenn ein Projekt beispielsweise 50 Jahre Monitoring gewährleistet, kann auch nur für diesen Zeitraum sichergestellt werden, dass die Waldflächen noch stehen und der Kohlenstoff weiterhin gebunden ist. Diesem Ansatz folgend sollte auch das Zertifikat nur 50 Jahre gültig sein.

Dann ist es wichtig, dass ein Puffer für nicht abschätzbare Vorkommnisse, wie Naturkatastrophen, Brände und ähnliche Ereignisse bei der späteren Durchführung der Projekte einberechnet wird.

Die Problematik der Doppelzählung entsteht, wenn einerseits Staaten sich Gutschriften aus Klimaschutzprojekten für die Erfüllung ihrer nationalen Klimaschutzziele anrechnen und andererseits Unternehmen die gleichen Zertifikate nutzen, um ihre Emissionen zu kompensieren.

Im Rahmen des Kyoto-Protokolls mussten nur Industrieländer nationale Minderungsziele formulieren. Daher konnten Staaten sowie Privatleute und Unternehmen Gutschriften aus Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern kaufen, und diese für ihre Minderungsziele nutzen. Mit dem Pariser Klimaabkommen verpflichten sich sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer dazu, nationale Klimaschutzziele zu formulieren. Dies erhöht die Gefahr, dass die Emissionsminderungen aus Klimaschutzprojekten nicht nur von dem Projektland zur Anrechnung auf die Zielerreichung genutzt werden, sondern als handelbare Minderungsgutschrift auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt auch von weiteren Akteuren für deren Zielerreichung eingesetzt werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Doppelzählung zu vermeiden. Diese sind allerdings derzeit noch nicht standardisiert und einheitlich umgesetzt, sodass die Problematik der Doppelzählung weiterbesteht.  

Erste Akteure befinden sich jedoch in Verhandlungen mit Entwicklungsländern, um sogenannte Corresponding Adjustments abzuschließen. Dabei regeln beide Parteien vertraglich, welche Emissionsgutschriften von den Ländern nicht zur eigenen Zielerreichung genutzt und dadurch auf den freiwilligen Kohlenstoffmarkt eingebracht werden können.

Waldprojekte sollten dem Prinzip der Zusätzlichkeit folgen. Damit ist gemeint, dass Projekte ohne die finanzielle Förderung durch Kohlenstoffzertifikate nicht stattfinden würden, beziehungsweise ein Waldstück ohne Kohlenstoffkredite nicht geschützt oder aufgeforstet werden kann. 

So können auch Waldflächen innerhalb von staatlichen Schutzgebieten nicht automatisch als zusätzlich gelten, da sie ohnehin geschützt sind. Zur Erfüllung des Kriteriums muss über gesetzliche Vorgaben hinausgegangen werden, der sogenannten regulatorische Zusätzlichkeit. Die Zusätzlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung für die Anerkennung von Emissionsminderungen und Kohlenstoffbindungen im Rahmen von Klimaschutzmaßnahmen, insbesondere im freiwilligen Kohlenstoffmarkt. 

Die Wirtschafts- und Rechtslage in den jeweiligen Projektländern muss somit bekannt sein. Der Einbeziehung unterschiedlicher lokaler Stakeholder kommt eine besondere Bedeutung in der Bewertung zu.

Der „Leakage-Effekt“ tritt auf, wenn die Verbesserung der Treibhausgasbilanz in einem Gebiet dazu führt, dass sie sich an anderer Stelle verschlechtert. Dies beeinträchtigt die Effektivität der Maßnahmen. So kann der Schutz eines Waldgebietes beispielsweise dafür sorgen, dass dieses nicht der Umwandlung in Weideflächen zum Opfer fällt. Wenn für die Rinderhaltung dafür aber ein benachbartes Grundstück gleicher Größe gerodet wird, ist effektiv nichts gewonnen.

Dem kann eine ganzheitliche Strategie zur Reduzierung von Entwaldung und Walddegradierung auf Ebene von großflächigen Verwaltungseinheiten entgegenwirken. Dabei sollte Entwaldung auf juristischer Ebene nachverfolgt werden, Projekte partizipativ umgesetzt, robuste Monitoring- sowie Transparenzsysteme geschaffen und Anreize zur Vermeidung von Leakage bereitgestellt werden. Spannende Ansätze bietet hier beispielsweise die Weiterentwicklung hin zu Jurisdictional REDD, welches auf Länder- oder Staatenebene ansetzt. Hier kann die Verlagerung von Emissionen weitreichender gemonitort werden.  

Immer wieder kommt es bei Waldschutzprojekten zu Menschenrechtsverletzungen. Zum Beispiel werden in einigen Fällen Waldschutzprojekte auf von indigenen Völkern oder lokalen Gemeinschaften bewohntem Land durchgeführt. Wenn diese Gemeinschaften nicht angemessen in die Planung und Umsetzung der Projekte einbezogen oder ihre Landrechte nicht respektiert werden, kann es zu Landkonflikten und Vertreibungen kommen.

Durch die Verwendung von partizipativen Projektansätzen, die beispielsweise Agroforstsysteme in Waldschutzprojekte integrieren, können Menschenrechtsverletzungen durch die Stärkung der Landrechte und die Förderung von nachhaltigen Einkommensquellen effektiv vorgebeugt werden. Dies trägt nicht nur zum Schutz der Umwelt bei, sondern auch zur Förderung der Menschenrechte und des Wohlergehens lokaler Gemeinschaften.

Einige Unternehmen werben damit, dass Verbraucher*innen beispielsweise klimaneutral tanken oder fliegen können. Diese Unternehmen kompensieren ihre CO2-Bilanz, indem sie Zertifikate auf dem freiwilligen Markt kaufen. Hier ist die zentrale Frage: Wird durch Kompensationsmaßnahmen tatsächlich der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert, oder dienen sie lediglich dazu, bisherige Geschäftspraktiken mit gleichbleibenden oder sogar noch höheren CO2-Emissionen weiterzuführen?

Eine konsequente Umsetzung der „Erst reduzieren“-Regel stellt sicher, dass Unternehmen zuerst ihre eigenen Emissionen so weit wie möglich reduzieren, bevor sie auf Kompensation zurückgreifen. Nur dieser Fokus auf Reduktion von Treibhausgasen bringt die klimagerechte Transformation der Wirtschaft voran. Die Science Based Targets intitiative (SBTi) steht Unternehmen dabei zur Seite, indem sie für jeden Sektor konkrete Zielwerte zur Emissionsreduktion im Einklang mit den globalen Klimazielen vorgibt. Darüber hinaus sollte es eine effektive Anreizstruktur geben, die die Reduktion vor der Kompensation fördert.

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Luise Sophie König
Telefon: +49 228 24290-62
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